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Ev. luth. Kirchengemeinde Langenholtensen
Kreis Northeim - Südniedersachsen



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Rundumerneuerung statt Flickschusterei

Predigt von Luitgardis Parasie über Hesekiel 36, 26 am 8.1.2017 in Langenholtensen
„Gott spricht: Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch.“
Liebe Gemeinde,

kennen Sie das Märchen von Wilhelm Hauff „Das kalte Herz“? Peter, Sohn armer Leute aus dem Schwarzwald, verkauft sein Herz für 100 000 Taler an Michel, der mit dem Teufel im Bunde ist. Peter bekommt dafür ein Herz aus Stein. Ab nun wird er reicher und immer reicher. Aber er kann nicht mehr lachen und nicht mehr weinen, nicht mehr lieben und nicht mehr trauern. Er empfindet kein Mitgefühl mehr, nur eins kann er noch: Rechnen. Er verliert seine Freunde und schließlich auch seine Frau.

 

Ob Wilhelm Hauff unseren Bibelvers aus Hesekiel 36 vor Augen hatte, als er das Märchen aufschrieb? Denn auch Hesekiel hat um 580 vor Christus Menschen vor Augen, deren Herzen versteinert waren. Sie wohnten im Ausland, im verhassten Babylon, da wollten sie nicht sein. Ihre Heimat Israel war verwüstet. Verlassene Häuser, zerstörte Städte, der Tempel in Schutt und Asche. Ein Feld voller Totengebeine. Das hatten sie sich selber eingebrockt, denn sie hatten sich von Gott und seinen Geboten abgewandt. Hatten sich um Arme und Ausländer nicht gekümmert und nur an ihren eigenen Vorteil gedacht. Hatten Gott vollkommen aus ihrem Leben ausgeklammert. Gott hatte sie gewarnt und gewarnt, aber sie hatten nicht auf ihn gehört. Und nun trugen sie schwer an den Folgen, hatten Heimweh, waren verbittert und hatten verhärtete Herzen. Völlig verfahrene Kiste.

Und wir heute in Deutschland, in Langenholtensen? Wie steht es mit deiner Beziehung zu Gott und zum Nächsten? Vor Weihnachten erhielt ich erschütternde Einblicke in deutsche Seelen. Für den NDR hatte ich die Gewissensfrage einer Hamburger Lehrerin beantwortet. Der Vater eines muslimischen Schülers beschwerte sich, dass die Lehrerin mit der Klasse ein Krippenspiel einübte, das sei eine unzulässige Missionierung. Die Lehrerin fragte, was sie machen sollte. Sie glauben nicht, was nach der Sendung im Netz los war, bei facebook, Twitter und in manchen Blogs, was ich selber auch für mails bekam. Meine Antwort interessierte dabei kaum einen, allein die Frage der Lehrerin war es, die für Aufregung sorgte und für unglaubliche Äußerungen über Flüchtlinge und Muslime. Das gipfelte in der Mail eines Mannes: „Schmeißt doch diese Kanaken ins Meer.“ Ich hatte eine Woche lang Magenschmerzen, so geschockt war ich, und auch die Internetredakteure der Radiokirche. Und ich frage mich: Was ist hier los? Wir sind eins der reichsten Länder der Erde und gerade momentan so reich wie nie. Ja, es gibt auch unter Flüchtlingen Böse und Gute, genau wie unter Deutschen, mir liegt es fern, sie zu idealisieren, und wir müssen Bosheit und Kriminalität dringend in den Griff kriegen. Aber dürfen Menschen anderen Glaubens deswegen nicht ihre Meinung sagen? Ich selber fand Angela Merkels emotionale Pressekonferenz im September 2015 mit ihrem Satz „Wir schaffen das“ genau richtig und angemessen. Kein steinernes Herz, das kühl kalkuliert, sondern ein Herz voller Mitgefühl. Klar müssen Mitgefühl und spontane Hilfsbereitschaft dann auch strukturiert und geregelt werden. Aber Strukturen und Regelungen ohne spontane Hilfsbereitschaft und Mitgefühl sind herzlos.

Und was den muslimischen Vater betrifft: Natürlich bin ich nicht der Meinung, dass wir seinen Forderungen nachgeben sollen. Die Weihnachtsgeschichte gehört bei uns zum Kulturgut, zu unserem christlich geprägten Land, und auch Muslime sollten die kennenlernen. Ich finde im Gegenteil, wir Christen sollten unseren Glauben viel mutiger und selbstbewusster bekennen. Aber ich bin doch froh, in einem Land zu leben, wo man solche Fragen stellen darf! Was wird aus unserer Gesellschaft, wenn viele sich das Motto zu eigen machen: Und willst du nicht mein Bruder sein, so schlag ich dir den Schädel ein.

Verhärtete Herzen – auch im persönlichen Bereich. Du reißt dir ein Bein aus für den Verein, deine politische Aufgabe, deinen Job – aber dass dein Partner neben dir emotional verhungert, lässt dich kalt. Du organisierst dich tot für dein Kind, Schule, Nachhilfe, Sport, Musik – aber wann hat du zuletzt mal einen Nachmittag mit ihm gespielt oder ganz zweckfrei was unternommen und sein Herz berührt? Dir fehlt es finanziell an nichts, du hast ein Haus, Auto, Arbeit, fährst jedes Jahr in Urlaub – aber wenn du etwas für die Kirche geben sollst, für arme Menschen, für soziale Projekte, da drehst du jeden Cent um.

Wilhelm Hauffs Peter wird sehr reich, aber er macht sich und andere todunglücklich mit seinem steinernen Herzen. Am Ende jedoch gelingt es ihm den bösen Michel zu überlisten und sein lebendiges Herz wiederzubekommen. Fortan arbeitet und lebt er wieder arm, aber anständig und glücklich zusammen mit seiner Frau. Ende gut, alles gut. Auch bei uns?

„Gott spricht: Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch.“ Ja, der Prophet Hesekiel geht im nächsten Kapitel noch viel weiter in seiner Vision: „Siehe, ich will die Gräber auftun und hole euch, mein Volk, aus euren Gräbern herauf“ (Hes. 37, 12). Was für eine Kraft, die Gräber sprengt, Tote erweckt, steinerne Herzen lebendig macht.

Wir haben es viel einfacher als der Peter im Märchen. Wir müssen uns bei Gott nichts erkaufen und ihn nicht überlisten. Gott hat nämlich gute Absichten mit uns, und er hat gemerkt: Wir kriegen das alleine nicht hin. Wir mühen uns und quälen uns und kommen doch nicht raus aus dem Teufelskreis. Es ist wie mit den Neujahrsvorsätzen: Nach einer Woche schon aufgegeben. Weil wir nicht imstande sind uns zu ändern, hat Gott sich geändert. Er sagt: Ok, die packen das nicht, das ist alles Murks. Darum werd ich den Plan ändern, eine neue Strategie fahren. Nicht Flickschusterei, Rundumerneuerung. Ich schenke ihnen ein neues Herz.

Sie können an Zachäus sehen, wie das funktioniert. Wir haben seine Geschichte vorhin gehört. Zachäus ist ein Gauner, er hatte einen dicken Geldsack, aber kein Mitgefühl und keine Freunde. Dann hört er, Jesus kommt in die Stadt, und er klettert auf den Baum um ihn zu sehen. Und Jesus sieht ihn an und sagt: Zachäus, ich komme bei dir zu Besuch. Das ändert alles. Zachäus ist überglücklich, dass Jesus zu ihm kommt, er kann es einfach nicht fassen, dass Jesus sein Freund sein will. Sein Geld ist ihm auf einmal überhaupt nicht mehr wichtig. Da braucht es keine Aufforderung von Jesus, von selber beschließt er: Mein Geld gebe ich den Armen, und wo ich jemand betrogen habe, gebe ich es vierfach zurück. Ein neues Herz, wenn du Jesus begegnest. „Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur“, sagt der Apostel Paulus.

Das hat auch René erfahren, er gehörte zu unserem ersten Musicalteam, 2004 beim Mose Musical, einige hier kennen ihn noch.
Mit 30 Jugendlichen hatten wir „Mose – ein echt cooler Retter“ aufgeführt. Nach der erfolgreichen Premiere gab es Sekt für alle, die ehrenamtlich mitgearbeitet hatten. René, unser Kulissenbauer und Mann von Anja, unserer Dirigentin, legt seine Hand über sein Glas. „Sorry, ich trinke keinen Alkohol. Nie.“ – „Für mich auch nicht, danke“, sagt Anja. Ich gucke wohl etwas erstaunt, denn sie fügt gleich hinzu: „Darüber reden wir ein andermal.“

René und Anja arbeiteten erst seit kurzem in unserer Gemeinde mit. Ein paar Tage später erzählten sie mir ihre Geschichte. René ist in Leipzig geboren und atheistisch aufgewachsen. Schon mit 14 Jahren begann er Alkohol zu trinken. Zunächst beschränkte sich das auf Partys, doch mit der Zeit trank er immer mehr. Mit 18 Jahren gehörte der Alkohol zu seinem täglichen Leben. 1989 dann die politische Wende. Doch sie brachte René kein Glück. Im Zuge der wirtschaftlichen Veränderungen verlor der damals 23jährige seine Arbeit als Baufacharbeiter. Der Grund: Bankrott des volkseigenen Betriebes. Ständig wechselnde Arbeitsstellen bestimmten nun Renés Alltag. Hinzu kamen Alkohol, Ärger mit der Polizei, Schlägereien und weitere kriminelle Handlungen, um den Lebensunterhalt zu bestreiten.

Häufig setzte er sich betrunken ans Steuer. Eines Tages übersah er dabei eine Fußgängerin. Die Frau starb noch an der Unfallstelle. René war entsetzt. Er versank in tiefe Verzweiflung. Was war aus seinem Leben geworden: Ein Schrotthaufen, den er selber mit verursacht hatte. Wegen fahrlässiger Tötung wurde er schließlich verurteilt und kam ins Gefängnis. Irgendwann bekam er dort Kontakt zu einem Seelsorger des Blauen Kreuzes. Ihm schilderte er seine innere Not, sprach von seiner Verzweiflung über die Tat und von seinen Selbstmordgedanken. „So jemanden wie mich, den muss Gott doch bestrafen“, sagte er. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass es für mich, der ich einen Menschen auf dem Gewissen habe, Vergebung gibt.“  Der Seelsorger sagte zu René: „Es gibt einen Vers in der Bibel: ‚So spricht der Herr: Kommt, wir wollen miteinander verhandeln, wer von uns im Recht ist, ihr oder ich. Eure Sünden sind blutrot, und doch sollt ihr schneeweiß werden. Sie sind so rot wie Purpur, und doch will ich euch rein waschen wie weiße Wolle.’“ (Jes.1,18).

Lange grübelte René über diesen Vers. Sollte das tatsächlich auch für ihn gelten? Durfte er das auf sich beziehen? Blutrot – schneeweiß. Das konnte er kaum glauben. Irgendwann sackte es in sein Herz, und Frieden breitete sich in ihm aus. Er betete zu Gott, bat um Vergebung seiner Schuld und um die Freiheit, nie wieder Alkohol trinken zu müssen. Tatsächlich hat er seitdem keinen Schluck Alkohol mehr angerührt.
Bisher hatte er selten eine Kirche von innen gesehen. Doch nun ging er zu jedem Gottesdienst, der in der Justizvollzugsanstalt stattfand.

Im Gefängnis machte er eine Lehre als Koch und leitete eine Selbsthilfegruppe des Blauen Kreuzes. Nach seiner Haftentlassung schloss er sich einer Gemeinde an und ließ sich taufen. Kurze Zeit später bekam er eine Anstellung in einem christlichen Werk. Dort lernte er Anja kennen. „Ich habe ihr gegenüber von Anfang an mit offenen Karten gespielt“, sagt er. Für ihn war es ein Wunder, dass die gläubige Christin sich trotzdem auf ihn einließ. Als mehr daraus wurde, beschloss Anja René zu unterstützen und ebenfalls konsequent auf Alkohol zu verzichten. „Es ist einfach leichter, wenn überhaupt kein Alkohol im Haus ist“, sagen die beiden. „Wir vermissen auch gar nichts, unser Leben ist so ausgefüllt.“

René und Anja heirateten und bekamen ein Kind. Irgendwann kamen sie in unsere Gemeinde und arbeiteten beim Musical mit. Für uns ein Sechser im Lotto, denn Anja, von Beruf Musiklehrerin, war eine begnadete Dirigentin. Und René mit seinen praktischen Fähigkeiten war einfach für alles zu gebrauchen. Nach dem Musical halfen die beiden uns ein Jugendcafé aufzubauen. Die Arbeit mit Jugendlichen lag ihnen überaus am Herzen. Sie brannten dafür ihnen Jesus und die Bibel näher zu bringen, „das ist die beste Prophylaxe gegen solche Probleme, wie ich sie hatte“, meinte René. „Ich bin so dankbar, dass Gott mir diese zweite Chance gegeben hat. Mein Leben hat sich vollständig verändert. Ich hätte mir nie träumen lassen, dass es noch mal so heil und gut wird.“

Heute haben Anja und René drei Kinder. Nach wie vor spricht René mit schonungsloser Offenheit über die furchtbaren Folgen seines Alkoholmissbrauchs.Er hat mir erlaubt, dass ich seine Geschichte erzähle und auch in einem Buch veröffentliche. Inzwischen arbeitet er als Koch in einem Therapiezentrum für drogenabhängige Männer. Er ist sich sicher: „Das ist genau mein Platz, Gott hat mich hierhin gestellt. Ist es nicht ein Wunder, wie er meine schlimme Geschichte gebraucht, um für andere zum Segen zu werden?“

Mit dem Musikteam stimmen wir ein in das Lied: Herr, ich baue auf dich. Gib mir ein neues, ungeteiltes Herz. Lege ein neues Lied in meinen Mund. Fülle mich neu mit deinem Geist. Amen