Ersparen Sie uns diese Penetranz nicht!

Predigt von Pater Manfred Hösl SJ am 7.2.2016 in Langenholtensen über Mt 16,13-20

Da war ich bei einer Tagung in Berlin und konnte dazu bei einer früheren Schulkameradin und deren Mann unterkommen. Ich wurde herzlichst aufgenommen und es war sehr schnell wie früher, damals in der Clique. Wir sprachen natürlich irgendwann über das Thema Religion. Sie ist eher areligiös, leicht esoterisch angehaucht. Ihr Mann stammt aus dem Osten und ist völlig religiös unmusikalisch aufgewachsen. Es ging darum, ob ich ihre Wohnung einweihen oder segnen könnte. Nun hatte ich freilich mein dazu nötiges Equipment nicht dabei. Und ich entdeckte auf dem Kaminsims ein Marienbild – und daneben eine Buddhafigur. Die beiden Freunde sind liberal und offen, keinesfalls fanatisch. Und doch hätte ich die Wohnung nicht wirklich gerne gesegnet. Ich vermute nämlich, wenn am folgenden Tag ein Schamane oder ein Priester einer anderen Religion mit einem anderen Ritual gekommen wäre, dann wäre der genauso willkommen gewesen wie ich mit meinem katholischen Ritual, getreu nach dem Motto: Hilft es nichts, dann schadet's nichts. - Aber will ich das? Ist das der Zug, auf den wir Katholiken oder Christen überhaupt angesichts sinkender Mitgliederzahlen aufspringen sollten? Was passiert hier?

Liebe Schwestern und Brüder,
liebe Zuhörerinnen und Zuhörer,
ich freue mich sehr heute bei Ihnen sein zu können. Im Rahmen eines von den Kirchenleitungen angeregten Kanzeltausches habe ich Frau Parasie zu uns nach Sankt Michael in Göttingen eingeladen und sie hat jetzt mich hierher zu Ihnen eingeladen – herzlichen Dank!

Was sage jetzt ich, der Katholik, Ihnen, den evangelischen Christen? Es gilt ein paar Klippen zu umschiffen, ein paar Minenfelder zu vermeiden.
* Ich möchte diese Gelegenheit nicht missbrauchen um hier Werbung für meine Konfession, den Katholizismus, zu betreiben. Das gelesene Evangelium mit dem Petrusbekenntnis bietet ja eine einmalige Vorlage Werbung für das Papstamt zu machen, aber das würden sich die aufgeklärten Langenholtenser Protestantinnen und Protestanten auch gar nicht gefallen lassen – zurecht!
* Ich möchte mich hier allerdings auch nicht protestantischer und reformierter geben als Martin Luther oder Calvin – auch das würden Sie sich kaum gefallen lassen und müsste fast automatisch in Peinlichkeit enden.

Ich bin gekommen um Ihnen zu sagen, wofür ich Ihnen und Ihrer Kirche danke und ich möchte Ihnen sagen, warum und wo wir Sie – nach meiner Meinung - im Konzert der Kirchen dieser Welt brauchen!

Ich möchte Ihnen zu Beginn ehrlich sagen, dass ich gerne katholisch bin und es auch bleibe. Da können Sie eine noch so ausgefeilte Charmeoffensive starten! Ich finde meine, die katholische Kirche, reich an Symbolen, an Riten oder an Festen, die ich nicht missen möchte.

* Ich stelle auch und gerade bei Kirchen- und Glaubensdistanzierten eine Ansprechbarkeit für das Religiöse im Allgemeinen und für Sakramentalien im Besonderen fest, etwa am Friedhof, wenn ich mit einem Messdiener in vollem Ornat und Weihrauch am Grab stehe.
* Oder wenn neu zugezogene Familien mich rufen, um mit Weihwasser die frisch bezogene Wohnung zu segnen, wie in dieser Woche die von Aleksandra und Till!
* Ich freue mich am Kirchenjahr mit seinem Martins- und Nikolausfest, an unserer Marienkapelle in der Kirche mit den vielen Lichtern, ich tunke meine Finger gerne in ein Weihwasserschälchen, ich ziehe gerne – ab und zu – brokatschwere Messgewänder an, spendete am 3. Februar gerne den Blasiussegen gegen Halskrankheiten, usw.

Ich könnte jetzt noch recht lange aufzählen, was in unseren katholischen Schatzkisten und Methodenkoffern an Schätzen, Symbolen und Brauchtum vorhanden ist.

Gleichzeitig beschleicht mich, trotz oder gar wegen all dieser auch von mir gerne praktizierten Dinge, ein schleichendes Unbehagen. Ausgelöst wurde dieses Unbehagen durch zwei kleine Begebenheiten, die ich Ihnen gerne erzähle.

Da war ich zum einen bei einer Tagung in Berlin und konnte dazu bei einer früheren Schulkameradin und deren Mann unterkommen. Ich wurde herzlichst aufgenommen und es war sehr schnell wie früher, damals in der Clique. Wir sprachen natürlich irgendwann über das Thema Religion. Sie ist eher areligiös, leicht esoterisch angehaucht. Ihr Mann stammt aus dem Osten und ist völlig religiös unmusikalisch aufgewachsen. Es ging darum, ob ich ihre Wohnung einweihen oder segnen könnte. Nun hatte ich freilich mein dazu nötiges Equipment nicht dabei. Und ich entdeckte auf dem Kaminsims ein Marienbild – und daneben eine Buddhafigur. Die beiden Freunde sind liberal und offen, keinesfalls fanatisch. Und doch hätte ich die Wohnung nicht wirklich gerne gesegnet. Ich vermute nämlich, wenn am folgenden Tag ein Schamane oder ein Priester einer anderen Religion mit einem anderen Ritual gekommen wäre, dann wäre der genauso willkommen gewesen wie ich mit meinem katholischen Ritual, getreu nach dem Motto: Hilft es nichts, dann schadet's nichts. - Aber will ich das? Ist das der Zug, auf den wir Katholiken oder Christen überhaupt angesichts sinkender Mitgliederzahlen aufspringen sollten? Was passiert hier?

Das zweite Unbehagen auslösende Erlebnis war folgendes: In Hamburg hat man ein ganzes Stadtviertel neu aus dem Boden gestampft: Hafen City! Während man es überall mit über langen Zeiträumen gewachsenen Strukturen zu tun hat, war hier die Chance gleichsam, eine Stadt auf dem Reißbrett systematisch zu planen. Das galt auch für die Frage, wie Kirche an diesem Ort präsent sein kann und will. Und so haben sich 19 christliche Konfessionen zusammengetan und haben ein Zentrum mit einer ökumenischen Kapelle gebaut. Ich habe dieses Zentrum besichtigt. Jede Konfession sollte und durfte etwas, was für sie typisch ist, einbringen. Eine orthodoxe Konfession steuerte eine Ikone bei, die Reformierten einen schön gestalteten Bibelspruch und wir Katholiken: Eine Reliquie!

Aber ich bin nicht der "von denen mit einer Reliquie"! Verstehen Sie mich nicht falsch! Ich stehe zu dieser Tradition meiner Kirche, wir haben in Sankt Michael sogar zwei in unseren neuen Altar eingemauert! Aber ich würde mich in meinem Glauben total verkannt fühlen, wenn ich als "der mit den Reliquien" gälte!
Ich möchte nämlich gerne als einer von denen, die auch mit dem Jesus von Nazareth sind, gelten – wie es der große evangelische Christ und ehemalige Bundespräsident Johannes Rau auf seinen Grabstein hat meißeln lassen. Oder wie Paulus es in unserer Lesung gesagt hat: Christus will ich erkennen, Christus will ich gewinnen.

ER, Christus ist unsere gemeinsame Mitte, meine und ich denke auch Ihre! Und wenn diese Mitte gegeben und gesehen wird, wenn diese Mitte lebendig ist und gefeiert wird, dann kann vieles gerne dazukommen und diese Mitte bereichern, symbolisieren oder auf sie hinweisen. So schon Paulus: Wir müssen festhalten, was wir erreicht haben. Wenn die Extras wichtiger werden als das Zentrum, dann kippt das Glaubenssystem wie ein überfordertes oder gar vergiftetes Ökosystem.

Vieles ist meines Erachtens im Christentum möglich, aber wenn die Mitte ausgedünnt wird oder gar fehlt, wenn die Diskussionen immer mehr um Nebensächlichkeiten kreisen und die Hauptsache zunehmend unter den Tisch fällt oder aus falscher Peinlichkeit totgeschwiegen wird, dann läuft hier was aus dem Ruder! Und ich meine dass Martin Luther vor demnächst zu feiernden 500 Jahren genau dieses Gefühl hatte: Hier kippt etwas!

Ich muss es Ihnen auch hier sagen, bitte lassen Sie sich auch die legere Wortwahl gefallen: Wir Katholiken haben eine gute Show!
* Die allerbeste Show haben meines Erachtens zwar ultraorthodoxe Juden mit ihren Schäferlocken und Kaftanen, aber wir Katholiken sind auch nicht schlecht: Bunte Messgewänder, viele Ministranten, Weihrauch, Prozessionen... - das sind schon schöne Hingucker!
* Wenn Millionen Menschen am Tage einer Papstwahl auf PHÖNIX auf einen kleinen Kamin starren und darüber spekulieren: Ist es jetzt schon weißer oder noch schwarzer Rauch? - dann freue ich mich über die gute Einschaltquote.

Aber Glaube ist keine Show und es kann im letzten nicht um Einschaltquoten gehen – auch nicht für den NDR! Wir Christen wollen ja nicht die Gehirne von Werbetextern erreichen, sondern die Herzen der Menschen. Eine gute Show ist ok. Ich unterstelle, dass auch Sie gerne in einem Gottesdienst sind, in dem sich die Verantwortlichen Mühe gegeben haben und sich etwas haben einfallen lassen – und heute hat man sich hier was einfallen lassen -, aber im Kern und letztlich geht es nicht um eine Show, sondern um den gekreuzigten und auferstandenen Jesus Christus!

In unserer Michaelskirche haben schon viele evangelische Pastoren gepredigt – und am 6. März um 18:30 Uhr kommt Ihre Pfarrerin zu uns. Einmal haben sich ein eingeladener Pastor, ein Freund von mir, und ich uns vor dem Gottesdienst in der Sakristei unterhalten. Ich habe ihn gefragt: „Was willst Du anziehen? Willst Du im Anzug predigen oder im Lutherrock, im Talar.“ Er meinte darauf hin: „Ach das ist mir eigentlich egal. Es geht ja um den Text – und nicht um die Textilien!“ Ich bin ein Freund eines spitzen Humors und habe mich wirklich gefreut: Das war ein respektvoller, liebevoller, witzig-stichelnder-kritischer Kommentar – protestantisch im besten Sinne!

Liebe evangelische Brüder und Schwestern,
es darf nicht in erster Linie um Sakramentalien, um Sekundäres, Brauchtum oder gar Dekor gehen, es muss um Christus gehen! Die Mitte darf nicht wegbrechen!

Wir leben in herausfordernden Zeiten! Die zu bewältigenden Themenkomplexe heißen Flüchtlingsproblematik, Präimplantationsdiagnostik, Sterbehilfe, Wirtschaftsethik, Klimaveränderung... um nur einige zu nennen. Hier verbergen sich gewaltige Anfragen! Wenn wir solche Phänomene nicht nur von Fall zu Fall, aus dem Bauch heraus kommentieren, glorifizieren oder dämonisieren, sondern „fundamentieren“ wollen, dann brauchen wir selber erst ein Fundament. Und wir Christen haben so ein Fundament: Christus! Und zwar Solus Christus!

Wer, wenn nicht Sie, die Kirchen der Reformation, sind hier aufgefordert diese Mitte quer durch alle kirchlichen Moden und Zeitgeister einzuklagen, wer wenn nicht Sie, Sie immer mit diesem Jesus! Ersparen Sie uns, den Christen der anderen Konfessionen, diese Penetranz nicht. Widerstehen Sie, der Paulus, uns, dem Petrus der Katholiken und dem Andreas der Orthodoxie, ins Angesicht!

* Es rettet uns – so erhaben diese Tradition ist – nicht das Küssen einer Christusikone, wenn man nicht mehr weiß für wen diese Ikone steht!
* Es retten uns keine katholische Kathedralen – wir in Sankt Michael haben gerade eine kleine gebaut bzw. renoviert... - wenn man vergessen hat auf wen die prächtigen Bauten hinweisen!
* Es retten uns freilich auch keine protestantischen Oratorien, wenn man nicht mehr weiß aus welchem Geist heraus ein Johann Sebastian Bach oder wie sie alle heißen, sie einst komponiert haben.

Vergessen wir die konfessionellen Scharmützel, die hinter uns liegen! Strecken wir uns aus nach dem, was vor uns liegt! Stellen wir uns den Herausforderungen unserer Zeit und jagen wir nach dem Siegespreis, der himmlischen Hoffnung, die uns Gott in Christus Jesus schenkt!

„Der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.“

Eine feste Burg,
bist du unser Gott. Du hilfst uns aus aller Not. Mit unserer menschlichen Macht ist es nicht getan, da stehen wir schnell auf verlorenem Posten. Durch Jesus Christus bitten wir dich:
Für die Christen in der Welt, dass wir unsere Mitte nicht verlieren. Gib, dass wir von den Herausforderungen unserer Zeit nicht überrollt und entwurzelt werden. Lass uns in und mit Christus einen festen Standpunkt haben, damit wir in Entschiedenheit und Gelassenheit unseren Beitrag für Kirche und Welt leisten können.
Für die verschiedenen Konfessionen in unserem Land, die großen Volks- und die kleinen Freikirchen, Katholiken, Orthodoxe, Protestanten. Auf dass wir uns, unserer gemeinsamen Mitte bewusst seiend, mit unseren Traditionen und Symbolen gegenseitig bereichern und zu einer ökumenischen Einheit in Christus gelangen.
Wir beten an diesen Tag an die vielen Christen, die verfolgt und vertrieben werden. Wir denken etwa an unsere Schwestern und Brüder in Nigeria oder im Irak. Sie dürften unsere konfessionellen Streitigkeiten nicht verstehen. Stärke ihren Glauben an Christus, damit sie nicht resignieren und lass ihnen die Solidarität der weltweiten Kirche zuteil werden.
Gnädiger Gott,
lass uns unsere Mitte Christus finden und aus dieser Mitte heraus Kirche und Welt neu gestalten,
darum bitten wir durch IHN, Jesus Christus, unsern Bruder und Herrn. Amen