Zwei Nummern zu groß?

Mit Schwung in die Herausforderung

Predigt von Luitgardis Parasie zur Sommerkirche 2016 am 3.7.2016 in Wiebrechtshausen über 2. Mose 3-4

Liebe Gemeinde,
er hatte sich eingerichtet in seinem Leben. Beruf, Haus, Frau, Kinder. Großfamilie. Er lebte mit seinen Schwiegereltern im Haus. Eigentlich war er ganz zufrieden. Nur manchmal war da so ein nagendes Gefühl von Leere. Da fehlt doch irgendwie was. War das alles? War das wirklich seine Bestimmung, Schafhirte bei seinem Schwiegervater? Sein Leben war ausgefüllt, an Aufgaben mangelte es nicht - aber es war nicht erfüllt. 40 Jahre ging das nun schon so. 40 Jahre, da rechnet man nicht mehr mit großen Überraschungen. Und dann das.

Darf ich mal fragen, wer hier alles um die 40 ist? 40 Jahre, das ist ja eine sensible Zahl. Mit 40, zwischen 40 und 50, da wollen’s viele noch mal wissen. Da ist man so in der Lebensmitte, und da überlegen viele tatsächlich: Will ich so weitermachen wie bisher, oder ist noch mal was anderes dran?

Als ich 40 war, wollte ich nicht mehr Pastorin sein.

Ich dachte: Dieser Beruf laugt dich so sehr aus, er frisst dich mit Haut und Haar, kostet so viel Herzblut, mach lieber etwas weniger Aufregendes. Ich hab einiges andere ausprobiert, an der Berufsschule unterrichtet, in der Arztpraxis meines Mannes an der Anmeldung gearbeitet, eine Ausbildung zur Familientherapeutin gemacht, immer wieder mit dem Journalismus geliebäugelt, Zeitungsartikel und Bücher geschrieben. Mit 40, zwischen 40 und 50, da kommt noch mal so manches auf den Prüfstein. Also, ihr Leute in der Lebensmitte, das ist jetzt eure Geschichte.

Wobei, Mose war ja wahrscheinlich schon 60, wenn er 40 Jahre Schafe gehütet hat: Also auch die um die 60 sind jetzt gefragt: Was für ein neuer Aufbruch ist jetzt womöglich dran? Was hat Gott mit dir vor? Schließlich wurde Adenauer mit 72 Bundeskanzler und Gauck mit 72 Bundespräsident.

40 Jahre also hatte Mose die Herden seines Schwiegervaters gehütet, in Midian, dem Nachbarland Ägyptens. Währenddessen wurden seine Landsleute, die Israeliten, in Ägypten vom Pharao brutal als Sklaven ausgebeutet. Eines Tages erscheint Gott Mose im brennenden Dornbusch. Er sagt: Geh zurück nach Ägypten. Tritt vor den Pharao und sag ihm, er soll die Israeliten ziehen lassen.

Ägypten, das hörte Mose gar nicht gerne. Dahin wollte er nicht zurück, denn da gab es unerledigte Geschichten. Als Prinz am Hof aufgewachsen und dann einen Mann umgebracht. Klammheimlich über die Grenze abgehauen nach Midian. Und nun, 40 Jahre später, an den Königshof zurück mit Forderungen? Musste er sich so seiner Vergangenheit stellen? Das war das Allerletzte, wonach ihm der Sinn stand. Gott, wenn du schon einen Auftrag für mich hast, muss es dann gleich so krass sein?

Fünf Argumente bringt Mose vor, warum er keinesfalls nach Ägypten gehen kann.

1. Wer bin ich, dass ich zum Pharao gehe und führe die Kinder Israel aus Ägypten? (3, 11)
Wer bin ich schon. Das höre ich manchmal, wenn Menschen eine Aufgabe übernehmen sollen. Ich bin doch nur ein kleines Licht. Es geht auch ohne mich. Mich kennt keiner. Mir fehlen die Voraussetzungen. Ich kann das nicht. Sorry, dieser Auftrag ist eine Nummer zu groß für mich.
Gott sagt: Wenn ich dich beauftrage, dann musst du das nicht alleine schaffen. Vertrau auf mich, ich bin bei dir. Ja, es wird auch Schwierigkeiten geben, Rückschläge, Durststrecken. Dass ich bei dir bin, heißt nicht, dass alles glatt geht. Es wird auch nicht immer nur Spaß machen. Manchmal wirst du dich fragen, ob es sich lohnt weiterzumachen. Aber ich werde dir im Laufe der Zeit auch wunderbare Bestätigungen geben, die dich spüren lassen: Ich bin auf dem richtigen Weg.

2. Wer bist du? Wer bevollmächtigt mich? Was soll ich den Israeliten sagen, in wessen Namen ich das mache? (3, 13)
Und Gott antwortet: Ich bin, der ich bin. Der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs. Der Gott, der ein Interesse hat, dass dein Leben Sinn hat. Der Gott, der dich retten und heilen will, der dich liebt. Der Gott, der seinen Sohn Jesus auf die Erde schicken wird. Jesus ist die Brücke, die Verbindung für jeden, der sich nach Gott sehnt. Derselbe Gott, gestern, heute und in Ewigkeit. Wo ist solch ein Gott, der seine Menschen so im Blick hat, ihnen so nahe kommt, dem so an den Menschen liegt. Im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes. So beginnen wir jeden Gottesdienst. So kannst du jeden Tag beginnen, Luther hat das empfohlen, das können Sie unter 815 im Gesangbuch nachlesen, er sagt: Des Morgens, wenn du aufstehst, kannst du dich segnen mit dem Zeichen des heiligen Kreuzes und sagen: Das walte Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist. Und dann das Vaterunser und Luthers Morgensegen beten. Alsdann mit Freuden an dein Werk gegangen, empfiehlt Martin Luther. Denn du weißt: Ich bin in Gottes Namen unterwegs.

Wir haben mal in Florenz in der Tiefgarage eines Hotels geparkt, und neben uns parkte ein Auto aus Heidelberg, das hatte genau wie wir einen Fischaufkleber hinten, seit dem Urchristentum das Erkennungszeichen der Christen. Am nächsten Tag hatten wir eine Visitenkarte unter den Scheibenwischern mit dem Satz: „Unterwegs im Namen des Herrn“, mit einem Gruß und den Kontaktdaten des Autofahrers. Wir haben dann einen Gruß zurückgeschrieben. Und irgendwann Monate später auf der Durchreise besuchte uns der Heidelberger Mitchrist. Unsere Kinder hat das damals sehr beeindruckt, der Mann hatte seinen Namen weg, sie sagten: Unterwegs im Namen des Herrn war da. Wir haben ihn gerade vor kurzem auf Korsika wiedergetroffen, haben nachmittags beim Eis am Hafen 20 Jahre Lebensgeschichte nachgeholt, und er ist immer noch, trotz mancher Krisen, unterwegs im Namen des Herrn. Auch Mose soll das, er geht nicht in seinem eigenen Namen, er geht im Namen des Herrn.

3. Sie werden mir nicht glauben, sondern sagen: Das bildest du dir ein! (4, 1)
"Der Herr sprach zu ihm: Was hast du da in deiner Hand? Er sprach: Einen Stab. Der Herr sprach: Wirf ihn auf die Erde. Und er warf ihn auf die Erde; da ward er zur Schlange, und Mose floh vor ihr. Aber der Herr sprach zu ihm: Strecke deine Hand aus und erhasche sie beim Schwanz. Da streckte er seine Hand aus und ergriff sie, und sie ward zum Stab in seiner Hand." (2.Mose 4,2-4)
Das ist eine spannende Übung, die Gott mit Mose macht. Mose muss sich seinen Ängsten stellen. Eine banale Sache wird zum Angstobjekt. Der Stab war für einen Nomaden unverzichtbares Werkzeug des Alltags. Plötzlich wird er zum Gegenstand der Angst. Alles erscheint auf einmal bedrohlich und gefährlich. Mose sieht nicht mehr den einfachen Stock, sondern eine giftige Schlange und gerät in Panik. Die Schlange ist ohnehin Symbol des Bösen in der Bibel. Sie wird sich, wenn sie losgelassen, ihm um den Hals legen und ihm die Luft abschnüren, sich um ihn winden und ihn erdrücken, und dann wird er umkommen. Durch die Bedeutung, die Mose der Schlange gibt, wird sie in seiner Phantasie immer gefährlicher.

Gott macht nun mit Mose eine Art Konfrontationstherapie. Er fordert ihn auf: Fass die Schlange am Schwanz! Statt zu fliehen, soll Mose die Schlange packen. Kaum tut er das, verwandelt sich die Schlange wieder in einen harmlosen hilfreichen Stock. Sie verliert ihre Macht und wird wieder zum beschützenden Stab. Was wie Zauberei klingt, funktioniert tatsächlich und wird in der Therapie von Menschen mit Angststörungen erfolgreich eingesetzt: Wenn man sich der Angst stellt, statt zu fliehen, wird sie harmlos. Und je häufiger man sich der angstauslösenden Situation aussetzt, desto mehr lernt der Körper, dass er nicht mit Angst reagieren muss. Ein russisches Sprichwort sagt: Schau der Angst in die Augen, und sie wird zwinkern. Der Stock, das Symbol der Angst wird schließlich bei Mose zum Symbol der Freiheit: "Und diesen Stab nimm in deine Hand, mit dem du die Zeichen tun sollst", sagt Gott zu Mose.

4. Ich kann nicht reden (4, 10)
In dem Schreck sieht Mose nur noch seine Defizite. Er war in der Tat schneller mit der Faust dabei als mit dem Mund, darum hatte er ja damals fliehen müssen. Diplomatisches Reden sieht er wohl zu Recht nicht als seine Stärke an und fürchtet sich davor. Nun hat es ihm vollends die Sprache verschlagen.
Gott stellt Mose die rhetorische Frage: Wer hat denn dem Menschen den Mund gegeben? Ich will mit deinem Munde sein und dich lehren, was du sagen sollst. Im Neuen Testament wird dieser Satz von Jesus aufgenommen, er ermutigt seine Jünger: Wenn sie euch ausquetschen wegen eures Glaubens, macht euch keine Sorgen, in dem Moment wird euch eingegeben, was ihr sagen sollt.
Das rechte Wort zur rechten Zeit, wenn du deinen Tag im Namen Gottes angehst, wird er es dir geben.

5. Nimm einen anderen! (4, 13)
Aber Mose weicht noch mehr zurück, er wird bockig wie ein kleines Kind, ihm fällt jetzt nur noch ein: "Herr, sende, wen du senden willst." Mich jedenfalls nicht!
Ach, ich kann Gott so gut verstehen. Wie oft höre ich das. Da hat man sich lange mit einem möglichen Mitarbeiter unterhalten, viele Bedenken entkräftet, man hat Herzblut und Geduld in die Sache gesteckt, und dann heißt es am Ende: Such doch lieber jemand anderen.

Nun, wir sehen an Mose auch: Nur einfühlsames Verständnis und Hilfsangebote bringen nicht weiter. Gott jedenfalls lässt jetzt nicht weiter mit sich verhandeln. Dass Mose zum Pharao gehen soll, steht nicht zur Disposition. Daran lässt Gott keinen Zweifel. Aber er kommt Mose noch ein weiteres Stück entgegen. Er stellt ihm Aaron, Moses Bruder, als Begleiter an die Seite. Mit Aaron kann Mose sich abstimmen. Er kann sagen, wozu Mose vielleicht die Worte fehlen, oder deuten, was Mose schwerfällt auszudrücken.

Auch bei mir hat Gott damals nicht locker gelassen. Er hat mich nach meiner Zeit des Rumprobierens quasi mit der Nase darauf gestoßen: Pastorin, das ist deine Berufung, das steht nicht zur Disposition. Und er hat mir, wie Mose, Leute an die Seite gestellt, die mir geholfen haben Visionen zu entwickeln und das Ziel im Auge zu behalten. Für diese Wegbegleiter bin ich überaus dankbar.

Aaron bekommt bei Mose quasi die Funktion eines Coachs, eines seelsorgerlichen Begleiters. Er geht eine Strecke mit dem anvertrauten Menschen. Er begleitet ihn in schwierigen Situationen. Er unterstützt die in ihm schlummernden Möglichkeiten und stärkt ihm den Rücken. Mit diesem Begleiter kann man Rückschläge und Fortschritte besprechen und die weitere Strategie planen. Auch Jesus hat ja später seine Jünger oft zu zweit losgeschickt. Also, wenn du an einer Wende stehst in deinem Leben, wenn du in einer Krise steckst: Mach das nicht mit dir alleine ab. Such einen vertrauenswürdigen Menschen, der dich ein Stück begleitet und dir hilft, deine Gedanken zu sortieren und zu gucken: Was ist Gottes Plan für mich?

Mose bekommt Aaron an die Seite gestellt. Ihm hilft das. Die Angst entweicht. Er tritt schließlich mit großem Selbstbewusstsein vor dem Pharao auf: "Danach gingen Mose und Aaron hin und sprachen zum Pharao: So spricht der Herr, der Gott Israels: Lass mein Volk ziehen, dass es mir ein Fest halte in der Wüste." (2. Mose 5,1). Wir wissen, die Aktion war von Erfolg gekrönt: Am Ende ziehen die Israeliten aus Ägypten aus.

Was wäre passiert, wenn Mose seiner Angst nachgegeben hätte? Er wäre als Schafhirte geendet. Er wäre bis ans Lebensende unter seinen Möglichkeiten geblieben und hätte seine Berufung nicht gefunden. Er wäre nicht als Befreier der Israeliten in die Geschichte eingegangen. Er hätte sein Ziel verfehlt. Wie gut, dass Gott drangeblieben ist und nicht lockergelassen hat.

Was ist deine Berufung, dein Auftrag von Gott? Wo weichst du aus, weil du dir dein Leben doch gerade so eingerichtet hast? Oder aus Angst es nicht zu schaffen?

Ich habe mal den Satz gehört: Wenn Sie Neues wagen und haben keine Angst vor dem nächsten Schritt, dann ist dieser Schritt möglicherweise zu klein für Sie. Das würde ja umgekehrt bedeuten: Angst vor einem neuen Schritt ist ein gutes Zeichen, dass du die richtige Richtung einschlägst. Du kannst sicher sein: Wenn es Gottes Weg ist, musst du ihn nicht alleine gehen.