Folge deinem Gewissen

Predigt von Pastorin Luitgardis Parasie am 19.3.2017 in der katholischen Citykirche St. Michael in Göttingen

Hörerfrage: Mein 15jähriger Sohn hat den Käsestand auf unserem Markt beklaut. Ich hab ihm gesagt, dass ich den Käse nicht essen werde, aber muss ich ihn zwingen den Käse zurückzubringen und es dem Standbesitzer zu beichten? Das ist mir peinlich, und ich fürchte, dass das dem Ansehen unserer Familie schadet.

Tja, was soll ich der Hörerin in ihrem Gewissenskonflikt raten? Das soll ich in zweieinhalb Minuten beantworten. Denn mehr Zeit habe ich nicht für die Sendung: „Darf ich das? – Gewissensfragen im Alltag.“ Jeden Dienstag gegen 10.45 Uhr wird sie im Radioprogramm von NDR 1- Niedersachsen gesendet.

Es war die Idee des NDR gewesen, vor 10 Jahren. Sie wollten gerne eine wöchentliche Sendung zum Thema "Werte". Was aber ist der Maßstab für Werte? Ja eben, das Gewissen. Martin Luther berief sich vor Kaiser und Reichstag darauf.

Dazu muss man wissen: Jahrelang hatte Luther sich mit einem schlechten Gewissen gequält. Er war sich sicher gewesen: Gott kann auf keinen Fall zufrieden mit mir sein. Dazu tue ich viel zu viel Falsches, ja Böses. Bin dickköpfig, verrenne mich, rede schlecht über andere, bin unduldsam, und statt zu verzeihen, sinne ich auf Rache. Auch wenn ich daneben noch so viel Gutes tue, es reicht nicht um das auszugleichen. Es kommen ja auch jeden Tag neue Sünden hinzu. Und viel Geld für die Kirche geben, Ablassbriefe kaufen, das half auch nicht. Das beruhigte sein gequältes Gewissen nicht. Angst zerfraß ihn, denn er war überzeugt: Gott wird mich bestrafen, ich komme in die Hölle. Er betete viel und las in der Bibel. Den Römerbrief des Paulus verschlang er geradezu. Und je länger er las, desto mehr staunte er. Da stand doch tatsächlich: „Denn es gibt keinen Unterschied: Sie sind alle Sünder und können vor Gott nicht bestehen. Sie werden unverdient gerecht aus seiner Gnade, und zwar durch die Erlösung, die durch Jesus Christus geschehen ist.“

Luther war wie vor den Kopf geschlagen. Das war ja das Gegenteil von dem, was er bisher gedacht hatte und was die Kirche den Menschen beibrachte. Alles falsch: Weder Geld noch gute Werke halfen demnach Gott näherzukommen. Auch keine radikalen Bußübungen. Stattdessen: Gnade, Erlösung, Jesus. Das war der Schlüssel. Jesus hat am Kreuz die Strafe getragen, die ich verdient hätte, erkannte Luther. Jesus hat mich erlöst, ich bin frei. Er konnte es nicht fassen, das war ja überwältigend. Tiefer Friede breitete sich in ihm aus. Danach hatte er sich all die Jahre so gesehnt. Er begriff: Wenn ich mich nur an Jesus halte, bin ich gegenüber Gott auf der sicheren Seite. Nur darauf kommt es an. Was die Kirche oder der Papst sagen, kann niemals das gleiche Gewicht haben. Fundamental sind nur diese vier Säulen: Allein die Gnade, allein der Glaube, allein Christus, allein die Schrift.

Und die guten Werke? Sie gehen nicht dem Glauben voraus, sondern sie folgen aus ihm. Ich erklär’s mal an einem Beispiel: Im Studium hatte ich eine Freundin, die war ziemlich dick. Alle sagten ihr: Sabine, du musst abnehmen. Aber unsere Ermahnungen halfen nichts. Sie machten sie nur frustriert und sauer. Dann verliebte sich Sabine. Und der Mann auch in sie. Und was glauben Sie, auf einmal nahm Sabine ab. Die Liebe beflügelte sie, motivierte sie, gab ihr die Kraft. Und sie wollte ihrem Freund natürlich auch gefallen. - So ist das auch im Glauben. Ein Christ, der Jesus gefunden hat, der von seiner Liebe überwältigt wurde, der ist davon auch angetrieben. Der will Jesus gefallen, will so leben, wie Jesus es möchte. Aber nicht als Vorbedingung, sondern als Konsequenz aus dem Glauben. Darüber haben Sie ja letzten Sonntag schon ausführlich gehört.

Diese Erkenntnisse jedenfalls waren für Luther bahnbrechend, und er fand: Das ist so genial, das müssen unbedingt alle wissen. Und so begann er darüber zu schreiben und zu predigen. Nur, die damaligen Kirchenoberen waren keineswegs begeistert von Luthers Erkenntnissen, sondern stinksauer. Was bildete sich dieser einfache Mönch aus Wittenberg eigentlich ein, sich mit der ganzen Kirche, den Bischöfen, ja sogar dem Papst anzulegen. Und so landete Luther 1521 vor dem Reichstag in Worms. Da sollte er seine Einsichten widerrufen. Aber das konnte er nicht. Gott hatte ihm diesen Glauben doch geschenkt. Wie sollte er dahinter zurück? „Mein Gewissen ist gebunden an Gottes Wort“, sagte er. „Hier stehe ich, ich kann nicht anders.“

Das Gewissen also. Ein für damalige Verhältnisse total moderner Gedanke. Luther stellte das Gewissen des einzelnen über die Lehre der Kirche, die Tradition, das Papstamt. 32 Mal kommt das Gewissen in der Bibel vor. Der Apostel Paulus ist überzeugt: Allen Menschen, egal ob Christen oder Heiden, ist „ins Herz geschrieben“, was Gottes Wille ist. Das Gewissen hilft ihnen, das zu erkennen und Gut und Böse zu unterscheiden (Römer 2, 15).

Aber unser Gewissen ist vielen verschiedenen Einflüssen ausgeliefert, und manchmal braucht es ein bisschen Nachhilfe. So auch die NDR-Hörerin, deren Sohn den Käse geklaut hat. Ich habe ihr so geantwortet:

Ist das Ihre Frage? - „Was werden die Leute sagen?“ Ich würde die Frage anders stellen: „Was soll Ihr Sohn sagen, wenn es bei Ihnen keine Konsequenzen gibt?“ Denn 15jährige sind scharfe Beobachter und unerbittliche Kritiker. Die spüren ganz genau, was bei den Eltern los ist. Und reizen sie manchmal bis aufs Blut, durch provokatives Verhalten. Sie überschreiten Grenzen und probieren aus, wie weit sie gehen können. Das ist wie ein Test: Stehen die Eltern jetzt auch für das ein, was sie mir als Kind beigebracht haben? Du sollst nicht stehlen. Klare Sache. Und dass man das in Ordnung bringt, wenn man dagegen verstoßen hat, ist eigentlich genau so klar. Das sagt Ihnen ihr Gewissen, und das weiß auch ihr Sohn in der Tiefe seiner Seele. Wenn wir Fehler nicht in Ordnung bringen, bleibt immer ein ungutes Gefühl.

Ich vermute: Ihr Sohn regt sich zwar über Regeln auf. Aber wenn Jugendliche Grenzen überschreiten und das keine Folgen hat, fühlen sie sich vernachlässigt. Ein 30jähriger schrieb dazu einmal einen kritischen Brief an seine Eltern. Darin bemängelt er, wie lax sie ihn erzogen haben. Er schreibt: „Im Ansturm meiner Wünsche und Forderungen stand euer Nein stets windschief und wackelig da. Wenn ich genug dagegen anrannte, fiel euer Nein um. Diese Nachgiebigkeit war in meinen Augen keine Liebe.“ Tun Sie Ihrem Sohn und sich das nicht an.

Also, lassen Sie ihn den Diebstahl beichten und den Käse bezahlen. Klar ist das erst mal peinlich. Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass der Betreiber des Käsestands ihm den Kopf abreißen wird. Er war ja schließlich auch mal 15. Eher wird er überrascht und beeindruckt sein über Ihre Konsequenz und den Mut Ihres Sohnes. Und ihm gerne verzeihen und die Sache für erledigt erklären. Wie gut wird sich das für Sie und Ihren Sohn anfühlen!

Sicher, vielleicht werden einige Leute lästern. Aber andere werden sagen: Alle Achtung. Das ist eine Familie, der ein gutes Gewissen wichtiger ist als Fehler zu vertuschen.


Das Gewissen: Manchmal gefällt uns nicht, wozu es uns mahnt. Manchmal stellt es ein Stoppschild auf. Nimmt dich in die Pflicht. Lässt dich fragen: Gefällt es Gott, was ich tue? Unsere Jugendlichen trugen eine Zeitlang mal ein Armband, da stand drauf: wwJd. Das stand für: What would Jesus do? Was würde Jesus tun? Sie trugen dies Armband, um in den täglichen Situationen des Alltags an diese Frage erinnert zu werden und sich davon leiten zu lassen. Das Gewissen, gebunden an Gottes Wort.

Manchmal allerdings wird das Gewissen auch verwirrt. Sie kennen das: Es gibt Leute, denen gelingt es hervorragend, anderen ein schlechtes Gewissen zu machen. Man hat nichts Böses getan und auch nichts Entscheidendes versäumt und hat trotzdem ein mega schlechtes Gewissen. Auch solche Fragen gehen häufig beim NDR ein. Da besucht eine Frau jede Woche ihre Mutter im Altersheim. Aber die Mutter gibt ihr immer das Gefühl, sich nicht genug zu kümmern. Das macht der Tochter ein schlechtes Gewissen. Ja, dein Gewissen kann von anderen Menschen manipuliert werden, und bei manchen besonders sensiblen Menschen geht das ganz leicht. Ständig fragen sie sich: Habe ich was falsch gemacht? Habe ich was versäumt? Dabei müssten sie eher lernen mal Grenzen zu ziehen und sich selber zu schützen. - Und bei anderen Menschen wiederum denkt man: Deren Gewissen ist vollkommen abgestumpft, es hat echt eine Hornhaut, die setzen sich so rücksichtslos über andere hinweg.

Ich könnte dazu noch viel sagen, aber das ist ja jetzt kein Lebenshilfe-Vortrag, sondern eine Predigt. Und deshalb möchte ich von Petrus und Johannes erzählen. Wir haben vorhin in der Lesung von ihnen gehört. Die beiden hatten vor dem Tempel einen gelähmten Mann gesehen. Der bettelte sie an. Petrus aber gab ihm viel Besseres: Im Namen von Jesus heilte er ihn. Der Geheilte freute sich unbändig, ging mit Petrus und Johannes in den Tempel, sprang herum und lobte Gott. Alle Leute waren baff und wollten mehr von diesem mächtigen Jesus wissen. Aber den religiösen Führern missfiel das total. Sie machten kurzen Prozess: Sie verhafteten Petrus und Johannes einfach und fragten sie: Warum erzählt ihr so einen Mist und bringt die Leute durcheinander? Das ist Volksaufwiegelung und wird bestraft. - Petrus und Johannes ließen sich aber nicht einschüchtern. Unbekümmert und völlig ohne Angst sagten sie: Jesus Christus, der Auferstandene, hat diesen Mann gesund gemacht. In keinem anderen ist das Heil. - Die Gegner waren davon aber nicht zu überzeugen, das hätte ja ihren bisherigen Glauben total in Frage gestellt. Und so sagten sie: Wir verbieten euch weiter von Jesus zu erzählen. Und was erwidern die beiden? „Richtet ihr selbst, ob es vor Gott recht sei, dass  wir euch mehr gehorchen als Gott. Wir können’s ja nicht lassen, dass wir nicht reden sollten von dem, was wir gesehen und gehört haben.“ (Apg 4,19-20).

Merken Sie was? Das ist kein erzwungenes kleinliches Einhalten von Regeln. Das ist eine ungeheure Power, die dahintersteckt und die beiden beflügelt. Die sie antreibt. Nein, sie können nicht anders. So wie Martin Luther nicht anders konnte. Sie haben Jesus erlebt, und nun müssen sie ihrer Berufung folgen. Es geht nicht um irgendeinen Moralkodex. Es geht darum, dass du dein Leben Gott hingibst. So wie das viele eurer Heiligen getan haben, liebe katholische Geschwister.

Ich möchte zum Schluss von einem protestantischen Heiligen erzählen: 1934. Pfarrer André Trocmé wird von der Kirche in ein abgelegenes Hochplateau südlich von Lyon versetzt. Der Ort hieß Le Chambon sur Lignon. Nicht die Traumstelle für den engagierten Pazifisten, und auch nicht für seine Frau Magda, eine Lehrerin. Beide leidenschaftlich engagiert für Frieden und praktische Konsequenzen aus dem Glauben. - Dann 1942, Frankreich wird von den Nazis besetzt. Ungewollt und ungeplant werden Magda und André Organisatoren einer gigantischen Verschwörung: Jüdische Kinder werden versteckt, Unterricht organisiert, falsche Pässe und die Flucht in ein sicheres Land. Und auf einmal wissen Trocmés, warum sie in diese Gegend versetzt wurden: Nur in einer derart abgelegenen Region konnte man so viele Menschen verstecken.

Abends erzählt André Trocmé den Leuten biblische Geschichten. Er erzählt von Maria und Joseph. Sie suchen eine Unterkunft, und keiner nimmt sie auf. Andrés Zuhörer haben die jüdischen Kinder vor Augen, für die Unterkünfte in ihren Dörfern, Verstecke auf ihren Bauerhöfen gesucht werden. Nehmen sie sie auf? André erzählt von der Jesusfamilie. Sie flieht vor den Kindermördern des Herodes – auch diese jüdischen Kinder sind auf der Flucht vor den Mördern der Nazis. André hält den Menschen einen Spiegel vor: Seid ihr wie die Wirte von Bethlehem, die keinen Platz haben für Jesus? Wie die Soldaten des Herodes, die nach dem Motto handeln: Befehl ist Befehl  – oder seid ihr Nachfolger von Jesus, der sagt: Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.
Mehr und mehr ringen die Menschen in Andrés Dörfern sich durch ihrem Gewissen zu folgen. Schließlich wird die ganze Region vom Widerstand gegen die Nazis erfasst. Sie widersetzen sich dem braunen Terror, oft durch kleine, aber starke Zeichen. Etwa die Küsterin:

Am Nationalfeiertag sollten in allen Kirchen die Glocken geläutet werden. Befehl von oben. Doch da gibt es einen Interessenkonflikt. Denn Glocken läuten zum Gottesdienst, aber nicht für die Staatsgewalt. Zwei Regierungsbeauftragte tauchen bei der Küsterin auf. Sie verlangen von ihr den Befehl umzusetzen. Die Küsterin jedoch weigert sich. Kategorisch erklärt sie: „Die Glocken gehören Gott. Wir läuten sie für Gott oder gar nicht!“

So ein Widerstand war gefährlich. Erst recht der Einsatz für die jüdischen Kinder. Er konnte das Leben kosten: André Trocmés Neffe wird im KZ umgebracht. Aber das kann den Widerstand nicht brechen. Insgesamt werden in Le Chambon sur Lignon mehr als 3000 jüdische Kinder gerettet.
Heute werden auf einer Gedenktafel in Yad Vashem in Israel Menschen genannt, die während des Holocaust Juden geholfen haben. Auch André und Magda Trocmé und die Menschen der Region Le Chambon sur Lignon werden dort genannt. Sie werden als „Gerechte unter den Völkern“ bezeichnet. Es waren Menschen, die ihrem Gewissen folgten. Amen