Mit Jesus unterwegs
Luther und Ignatius: Predigt von Pater Manfred Hösl SJ am 7.5.2017 in Langenholtensen

Liebe Gemeinde,

das Reformationsjubiläumsjahr hat inzwischen mächtig an Fahrt gewonnen.
* Die Buchläden sind jetzt voll mit Büchern darüber.
* Auf den TV-Kanälen gibt es Filme und Diskussionen.
* Und hier in Langenholtensen gibt es sogar echtes Theater!

Alle reden von Martin Luther – deshalb möchte ich ihm einen anderen maßgeblichen Mann der Kirchengeschichte zur Seite stellen. Er war ein Zeitgenosse Luthers, aber die beiden haben sich wohl nie persönlich getroffen: Ignatius von Loyola. Die Parallelen zwischen Luther und Ignatius sind frappierend, z.T. bis ins Detail!
* Beide standen am Beginn einer neuen Zeit!
* Beide hatten den Menschen als Subjekt entdeckt! Luther hätte seine Frage, Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?  noch 100 Jahre früher so nicht gestellt! Da hätte man das gut scholastisch gefragt: Ist Gott gnädig, ja oder nein? Argumente pro, Argumente contra – Fazit – Quod erat demonstrandum - fertig!

Aber so kann man in der Moderne nicht mehr glauben, selbst wenn es andere vielleicht noch können! Der einzelne rückt ins Zentrum: Nicht mehr: Was muss man glauben sondern: Was kann ich glauben?

Hier in einer evangelischen Kirche über Luther reden zu wollen würde bedeuten Eulen nach Athen zu tragen. Oder evangelischer als die Evangelischen sein zu wollen. Ich möchte Ihnen heute gerne meinen Ordensvater Ignatius von Loyola vorstellen und es Ihnen selber überlassen, wie viel Luther in ihm drinsteckt. Ich habe drei Punkte:

1. The Times, they are a Changing, damals und heute

Geboren 1491, 8 Jahre später als Luther, steht Ignatius am Übergang zu einer neuen Zeit, so wie auch wir heute: Die Postmoderne scheint sich zu verabschieden und das digitale Zeitalter mit seinem Segen und Fluch beginnt.

Damals ging das Mittelalter zu Ende.
* Rittertum und Adel sind im Niedergang - Kaufleute und reiche Bürger haben jetzt das Sagen.
* Es gibt neue technische Erfindungen,
* Christoph Columbus entdeckt Amerika,
* Martin Luther erschüttert die Kirche in ihren Grundfesten
* und Nikolaus Kopernikus erkennt, dass nicht die Erde, sondern die Sonne der Mittelpunkt unserer Welt ist.

In diese Zeit, in der vieles Altvertraute zu Ende geht und Neues, bislang Unvorstellbares, in den Blick kommt, werden Luther und Ignatius hineingeboren. Sie werden sich entscheiden müssen:
* Will ich dem Alten hinter her trauern oder will ich mich dem Neuen stellen?
* Werde ich herumjammern und klagen, dass früher alles besser war oder werde ich die neuen Herausforderungen annehmen?

Luther beschloss den Weg nach vorne zu gehen! Man muss sich der modernen Welt stellen, so eben in der Spielszene Antonia alias Katharina Bora, Luthers Käthe. Es galt die Mittel seiner Zeit, etwa den Buchdruck, für die Verkündigung des Glaubens zu nutzen und so gingen seine berühmten Thesen schon bald um die Welt. Oder sein Katechismus, seine Lieder…

Auch Ignatius dachte so. Deswegen drückte er mit 33 Jahren freiwillig nochmals die Schulbank, weil er wusste: Die kommenden Glaubenskämpfe werden nicht mit Waffen auf irgendwelchen Schlachtfeldern entschieden, sondern in den Hörsälen der Universitäten. Wissen ist Macht und wir Christen müssen da vorne dran sein, zu den Pionieren gehören!

Aber: Immer ist alles zweischneidig – Beispiel Internet! Das Internet birgt nicht nur viele nützliche Infos für unseren Alltag, es spült auch unzählige Pornoseiten auf unseren Bildschirm.
* Das Internet scheint nicht ohne Darknet zu haben sein.
* Nicht nur das Rote Kreuz, die Diakonie und die Caritas nützen das Worldwidenet, auch die Terroristen!
* Man kann nicht nur das Schöne und Gute haben – man kauft die Katze immer im Sack!
Nur: Sollen wir uns deswegen der Moderne verweigern und das Neue in Bausch und Bogen verdammen?

Ignatius – ich meine hier ganz ähnlich zu Luther - entschloss sich zu seiner Zeit:
* Ich will die neuen Möglichkeiten nutzen!
* Der Weg zurück ist sowieso versperrt, man kann nicht mehr zurück!
* Und die vermeintlich guten alten Zeiten waren auch gar nicht so toll, wie es im Nachhinein mit dem Schimmer der Verklärung scheint.

Ich will das Gute nutzen und ich will schneller sein als die Bösen. Das Beste liegt noch vor uns – so best is yet to come, sagen die in ihrem Optimismus unschlagbaren Amerikaner! Ich bin Gestalter, Katharina. Ich blicke nicht gerne zurück. Ich möchte frei sein. Nach vorne sehen, so Alea im Rollenspiel als Martin Luther.

2. Mit dem Kopf durch die Wand

Luther hatte – wenn ich dies richtig weiß – auch so seine Phase, wo er mit dem Kopf durch die Wand wollte. Vielleicht war schon sein Eintritt ins Kloster ein Ausdruck seines Willens sich die Gnade Gottes mit eigener Entscheidung und eigenem Willen zu verdienen. Und auch im Kloster hat er mit selbstquälenden Bußübungen und skrupulanten Beichten versucht auf Teufel komm raus in ein ordentliches Gottesverhältnis zu kommen.

Wir wissen, dass ihm dies nicht gelang, so sehr er es auch versuchte. Alles Geiseln und Beichten, alle Bußübungen und Frömmigkeitsaktivitäten halfen nichts. So kann man Gott nicht rumkriegen! Das musste auch Ignatius in harten Lebenslektionen lernen…

Ignatius wächst in Loyola im Norden Spaniens in einem vermögenden Elternhaus heran. Er war ein Haudegen und Draufgänger und hatte nur zwei Dinge im Kopf: Ritterliche Scharmützel und schöne Frauen. Am besten beides zusammen: Ritterliche Scharmützel für die schöne Frau! Immer ging es um die vermeintliche Ehre! Sie kennen das aus den berühmten Mantel-und-Degenfilmen wie die Drei Musketiere.

Eines Tages belagerte ein feindliches Heer die Festung Pamplona. Obwohl völlig klar war, dass die Festung der anstürmenden Übermacht nicht würde standhalten können, plädierte Ignatius fanatisch für die Verteidigung der Festung. Ein Himmelfahrtskommando!

Es kam wie es kommen musste: Die Feinde nehmen schließlich die Festung ein, Ignatius' Bein wird von einer Kanonenkugel getroffen – volle Breitseite! Lange Zeit ist er unter großen Schmerzen ans Bett gefesselt. Jetzt hat er viel Zeit zum Nachdenken! Die Mädchen wollen nichts mehr von ihm wissen und mit seiner Ehre ist es jetzt auch nicht mehr weit her.

Die Kanonenkugel hatte nicht nur sein Bein zerstört, sondern ihn auch aus seinen Lebensträumen gerissen.
* Warum muss so oft eine Kanonenkugel in unser Leben hereingeschossen kommen, damit wir merken, dass wir auf dem Holzweg sind oder als Geisterfahrer irrlichten?
* Warum muss eigentlich immer erst alles kaputt sein - unsere Gesundheit, unser Beruf, unsere Familie – bis wir merken: Ich verteidige hier etwas, was keine Zukunft hat!
* Ich will mit dem Kopf durch die Wand, aber da hol ich mir mehr als nur eine dicke Beule: Ich mache mein Leben und das der anderen kaputt!

Wie sehr würde ich mir wünschen, dass die vielen Attentäter, Amokläufer und Terroristen das Leben des heiligen Ignatius gründlich studieren würden! Sie würden sehen, wohin ein Leben auf der Gegenfahrbahn des Lebens führt, aber sie würden auch lesen, wie man das Steuer herumreißen kann und wie man dem immer stärker werdenden Sog in Gewalt und Terror entgehen kann! Sie würden lernen können, wie man ein sinnloses und leeres Leben mit Dynamik, Freude, Mut und Engagement auffüllen kann!

3. Auf die leisen und unscheinbaren Zeichen achten lernen

Ignatius hat in seiner zweiten Lebenshälfte gelernt und gelehrt auf die leisen Anzeichen im Leben zu schauen, damit die großen Lebensentscheidungen rechtzeitig und möglichst schmerzlos getroffen werden können, wir uns und den anderen die Kanonenkugel, in welcher Gestalt auch immer, ersparen.
Auf dem Krankenbett entdeckte er: Wenn ich Ritterromane lese, dann bin ich abgelenkt und in Sachen Sinn erst einmal versorgt. Aber das ist wie Fast Food. Das hält nicht lange an und dann ist das Loch im Magen bzw. in der Seele noch größer als vorher.

Vor wenigen Monaten hätte ich das am liebsten den vielen Pokémon-Go-Spielern gesagt:
* Nichts gegen einen netten Hype!
* Aber will ich mein Leben lang irgendwelchen Hypes hinterherlaufen, nur noch nach Moden funktionieren, die heute in und morgen out sind?
* Wer spielt heute noch Pokemon Go? Gibt’s da nicht etwas, das mehr Substanz hat?

Ignatius beobachtete sich selbst:
* Was ist nur Zeitvertreib, intellektuelles Fast Food und was sättigt wirklich?
* Welchen Nachgeschmack hinterlässt das Lesen eines Ritterromans, eines Computerspiels oder das Durchklicken durch die Pornoseiten auf der einen Seite und das persönliche Gespräch mit einem Freund, das Meditieren über eine Bibelabschnitt oder das Engagement für Benachteiligte, auf der anderen Seite?
* Die Weinkenner wissen: Es kommt nicht nur darauf an das Zeug in sich reinzuschütten, sondern auf den Nachgeschmack, den Abgang zu achten. Ignatius drückte es so aus: Nicht das Vielwissen sättigt die Seele, sondern das Verkosten der Dinge von innen.

Und so hat er seine berühmten Exerzitien, die Geistlichen Übungen, geschaffen, wo ein Exerzitant, ein Übender, bei einem geistlichen Lehrer gleichsam in die Schule geht. Durch das Lesen der Bibel wird er Mitglied der Gesellschaft Jesu. Er ist gleichsam mit den Aposteln und Jüngern mit Jesus unterwegs und durchlebt die Geschichten. Er sitzt mit im Boot, wenn Jesus den Sturm stillt. Er hört die Bergpredigt praktisch live und stellt sich vor, wie er unter Jesu Kreuz sich verhalten und gefühlt hätte!
* Man lernt auf die leisen Winke im Leben zu achten, damit man rechtzeitig gegensteuern kann, noch ehe das Kind in den Brunnen gefallen ist und die Kanonenkugel  angeflogen kommt.
* Man lernt die ureigensten Sehnsüchte in sich selbst zu entdecken, damit man nicht mehr auf jeden Zug des Zeitgeistes aufspringen muss – um nur wenig später zu merken: Ich bin in die falsche Richtung gefahren, das war‘s nicht, das war‘s auch nicht…

Diese Exerzitien gibt es in der Extended Vision, 40 Tage lang, so wie Jesus in der Wüste, und in der Kurzform, man kann sie neben dem normalen Leben als Exerzitien im Alltag machen oder konzentriert in einem Haus der Stille, weit weg vom Alltagstrubel. Exerzitien gibt es nicht nur für Jesuiten, Ordensleute oder sonst irgendwelche religiösen Profis. Sowas kann jeder und jede machen, selbstverständlich auch evangelische Christen. Wer da Interesse hat, der wird da schnell fündig, z.B. im Internet – im Darknet brauchen Sie da gar nicht zu suchen!

Wir leben in spannenden, aber auch herausfordernden, manchmal auch gefährlichen Zeiten. Ignatius würde sagen – und ich vermute Martin Luther würde ihm beipflichten:
* Trauert nicht dem Alten nach, sondern stellt euch der neuen Zeit mit ihren Risiken, aber auch Chancen!
* Rennt nicht mit dem Kopf gegen die Wand! Das tut euch und den anderen nur weh! Erspart euch und anderen die Kanonenkugel!
* Lernt auf die kleinen Zeichen an den Straßen eures Lebens zu achten: sie führen euch von der Oberflächlichkeit und Beliebigkeit in die Tiefe des Lebens.

Zum Schluss eines meiner Lieblingszitate meines Ordensgründers, viele dürften es schon kennen: Nur wenige Menschen ahnen, was Gott aus ihrem Leben machen könnte, wenn sie sich restlos seiner Führung anvertrauen würden.
Amen