Ruhe im Sturm

Predigt von Pastorin Luitgardis Parasie über Hebräer 4, 9-11 am Ewigkeitssonntag 2017 in Langenholtensen

Wie kommt jemand, der mitten in der Trauer steckt, zur Ruhe? Sie kennen es: Stress und Nervosität stecken an. Man wird dann selber ganz unruhig. Aber genauso steckt Ruhe an. Wo ist ihr Ruhepunkt, an dem Sie zu Gottes Ruhe kommen?

Liebe Gemeinde,
Trauer ist höchster Stress für die Seele. Das haben Stressforscher herausgefunden. Wer einen geliebten Menschen verliert, den jagen die Gedanken von hier nach da. Fragen quälen: "Wie soll es weitergehen ohne meinen Partner, ohne meine Mutter, ohne meinen Vater?" Trauernde sind gestresste Leute. Auch wer seine Heimat verliert, Freunde, Verwandte, sein Dorf, seine Wohnung zurücklassen musste, auch der trauert. Man grübelt abends und kann nicht einschlafen, man fragt sich: Wie sieht meine Zukunft aus? Kann ich hier wirklich Fuß fassen, heimisch werden, neu anfangen?

Ein Bibeltext aus dem Hebräerbrief wirkt da geradezu wie Gegenprogramm:
 9 Es ist also noch eine Ruhe vorhanden für das Volk Gottes.
10 Denn wer zu Gottes Ruhe gekommen ist, der ruht auch von seinen Werken so wie Gott von den seinen.
11 So lasst uns nun bemüht sein, zu dieser Ruhe zu kommen.

Es ist noch eine Ruhe vorhanden. Manchmal schwer vorstellbar. Schon Kinder stehen unter Stress: Vier von fünf Kindern leiden unter ständigem Zeitdruck. Zeitforscher haben herausgefunden: Vor hundert Jahren schliefen die Menschen durchschnittlich neun Stunden. Bis zu den siebziger Jahren waren es acht Stunden. Heute sind es nur noch siebeneinhalb Stunden.

 „Die Entdeckung der Langsamkeit“ hieß dagegen vor einigen Jahren ein Bestseller. In Italien wurde eine „Slowfood“-Bewegung unter dem Zeichen der Schnecke gegründet.

Aber Langsamkeit wurde nicht durch die Beratungsliteratur entdeckt. Bereits in der Schöpfungsgeschichte sagt Gott zu den Menschen am sechsten Tag: Ich bin mit meiner Arbeit fertig. Kommt, lasst uns mein Werk durch einen Ruhetag feiern. Entschleunigung, von Anfang der Schöpfung an. „Wer zu Gottes Ruhe gekommen ist, der ruht auch von seinen Werken wie Gott von den seinen.“ Von der Arbeit ruhen, am 7. Tag, das hat also zutiefst mit unserem Glauben zu tun. Wer in Gott ruht, kann auch am 7. Tag ruhen. Dieses Jahr fällt Heiligabend auf einen Sonntag. Auf den 7. Tag, an dem Gott ausruht. Warum müssen wir da einkaufen und rumhetzen, wenn doch Gott selber ausruht. Dieses Jahr haben wir 3 Feiertage hintereinander, was für ein Geschenk. So richtig zum Runterkommen und Genießen.

Ein Tag der Ruhe. Wir können am 7. Tag mit Gott zusammen die Ruhe genießen, weil Gott an den sechs Tagen vorher das Entscheidende bereits erledigt hat. Und dieser siebte Tag, wo wir die Arbeit und Sorgen lassen und mit Gott feiern und genießen, das ist schon ein Vorgeschmack auf den Himmel, sagt die Bibel. Der himmlische Feiertag, da hören auch Tränen und Klage auf. Da gibt es keine Sorgen und Zukunftsängste. Und im himmlischen Feiertag müssen wir nicht mehr Abschied nehmen und uns trennen.

Wie kommt jemand, der mitten in der Trauer steckt, zu dieser Ruhe? Sie kennen es alle: Stress und Nervosität stecken an. Man wird dann selber ganz unruhig. Aber genauso steckt Ruhe an. Wo ist ihr Ruhepunkt, an dem Sie zu Gottes Ruhe kommen?

Für mich ist so ein Ruhepunkt unsere wunderbare Klosterkirche in Wiebrechtshausen. Sie ist ja von April bis Ende Oktober immer offen. Wenn ich dort reingehe, auf den Jesus am Kreuz blicke, der über dem Altar hängt – dann habe ich das Gefühl: Hier bin ich ihm ganz nah. Und dann in der Gebetsecke eine Kerze anzünden und beten. Ich bin da gar nicht lange, manchmal nur 5 Minuten zwischendurch, und doch ist es so ein Ruhepunkt im Alltag. Wo ich mich besinne: Es hängt nicht alles von mir ab. Ich kann das, was mich belastet, an Gott abgeben. Und dann da auch in der Kirche bei ihm lassen. Zu Gottes Ruhe kommen. Wo ist ihr Punkt, an dem Sie zu Gottes Ruhe kommen?

Ich habe unsere Freundin Britta Laubvogel gefragt: Sie hat ja ihren Mann im Alter von 50 Jahren verloren und mit meinem Mann darüber ein Buch geschrieben. Ich habe sie gefragt: Wo fandest du Ruhe in deiner Trauer? Sie hat mir zurückgeschrieben, und ähnlich steht es auch in ihrem Buch:
„Ich denke zurück an die erste Zeit, die ersten Tage und Wochen  nach Matthias Tod. An seinem Grab stehen und nicht begreifen können, was geschehen ist, die endgültige, leibliche Abwesenheit  begreifen - er ist  nicht mehr da, er ist nicht an meiner Seite. In der ersten Zeit überwiegt das Gefühl, dass der Boden unter den Füßen weggerissen ist. Eine ruhelose innere Wanderung beginnt. Ich fühle mich nirgendwo mehr zu Hause, in mir selbst nicht, in meinem Haus nicht, in meiner Gemeinde nicht, auf meiner Arbeitsstelle. Nichts ist mehr, wie es war,  und  ich  fühle mich  wie ein Fremdling auf diesem Planeten; bin auf der Suche nach ihm und nach mir. Im ersten Schmerz habe ich nichts von einer „Ruhe“ gespürt. Ich weiß noch, dass ich  meiner Seelsorgerin voller  Entsetzen sagte: „Ich habe das Gefühl, Matthias  endgültig verloren zu haben. Denn ich kann mich an überhaupt nichts mehr erinnern, weder  seine Stimme, noch Gesten, noch irgendetwas.“ Sie beruhigte mich damals  und sagte: „Nichts geht verloren.“
Am Grab von Matthias habe ich zuerst allein seine schmerzliche Abwesenheit gespürt. Er ist nicht mehr da.

Ich muss auch sagen, dass mir die Grabsteine mit den Inschriften: „Hier ruht in Frieden“ erst sehr fremd erschienen. Allein das Wort „Ruhe“ fand in mir keine Resonanz. Auch jeder gut gemeinte Zuspruch: Ihm geht es doch gut, er ist am Ziel, tröstet nicht wirklich.
Ich hatte  keinen Blick dafür,  dass Matthias anderswo anwesend ist. Erst mit der Zeit kann meine Seele begreifen, dass  Matthias gut aufgehoben ist in der Liebe Gottes - er ist  eingegangen in ein neues Land, in die „Gottesruhe“. Matthias ist heimgegangen.  Es geht ihm gut. Er hat einen sichereren Ort gefunden. Je mehr mir das bewusst wird,  desto mehr kommt auch meine aufgewühlte Seele zur Ruhe.
Der Weg zur Ruhe, das heißt für mich auch Worte aus der Bibel wie Brot aufzunehmen. Psalm 23 ist mir ganz wichtig geworden: „Und ob ich schon wanderte durch das finstere Tal… du bist bei mir…dein Stecken und Stab trösten mich…“ Das sind tiefe trostbringende Bilder. Immer wieder lese  ich dieses Wort und lasse es in mir wirken.“

So weit Britta Laubvogel. „Es ist also noch eine Ruhe vorhanden für das Volk Gottes. So lasst uns nun bemüht sein, zu dieser Ruhe zu kommen.“ Hm, das klingt nach Arbeit: Bemüht sein zur Ruhe zu kommen. Aber tatsächlich stellt sie sich von alleine nicht ein. Du brauchst Punkte, an denen du dich ihr bewusst aussetzt, den Worten der Bibel, Liedern, Gebeten. Du brauchst Orte, die du bewusst aufsuchst. Im Kurs mit Klaus Dettke Anfang dieses Jahres sollte jeder der Teilnehmenden zu Hause bewusst so einen Ort der Ruhe schaffen, mit Kerze, Bibel, bewusst schön gestaltet, ein Ort für deine Andacht, für deine Begegnung mit Gott.

Wir sind früher mal im Urlaub in den Alpen gewandert. In Kandersteg, am Hockenhorn, 3400 m hoch. Über den Lötschenpass (2690 m), von dort den Gratrücken nach Osten hinauf, nordseits am kleinen Hockenhorn im tiefen Schnee vorbei, dann über die Westflanke des Hockenhorns auf den Gipfel. Da kann es passieren, du gehst durch dicken Nebel, und der ist stellenweise so dicht, dass du den Vordermann kaum mehr siehst. Es ist mühsam, du stapfst durch tiefen Schnee, die Füße werden nass und kalt, du hast keine Sicht, es ist super-anstrengend, und mancher verliert den Mut und kehrt um. Wir hielten durch. Wir hatten einen guten Freund, der kannte die Strecke, er ging voran und ermutigte uns. Und dann das Gewaltige: Wir waren plötzlich draußen aus den Wolken, über uns blauer Himmel, unter uns eine große Wolkendecke, und nur die wenigen Gipfel über dreieinhalbtausend Meter grüßten von ferne. Eiger, Mönch und Jungfrau, das Finsterahorn. Ein unglaublicher Kontrast. Wir waren total euphorisch, aufgewühlt, begeistert. Und gleichzeitig innerlich ruhig, entspannt. Es wirkt alles so klein von da oben, auch unsere Sorgen, alles, was uns das Leben schwermacht. Von oben erscheint es ganz unbedeutend. Du kannst durchatmen.

Ein Bild für das, was Christen erwartet am Ende ihres Lebens. Gottes Ruhe. Innerer Frieden. Einstweilen gehst du noch durch den Nebel. Aber der Bergführer ist da, Jesus Christus. Er kennt sich aus, er weiß, wo es hingeht und will dich gerne leiten. Häng dich an ihn, bleib ihm dicht auf den Fersen. Und du kommst ins Licht. Wer durchhält, wer an Jesus dranbleibt, der findet am Ende zu Gottes Ruhe und sieht seine Herrlichkeit. Amen.