Auf zu neuen Ufern

Predigt von Pastorin Luitgardis Parasie über Apg 16, 6-10 am 21.1.2018 in Langenholtensen

Da geht man voller Eifer und Tatendrang an eine gute und vermeintlich gottgewollte Sache, und dann liegen einem nichts als Steine im Weg. Leute, mit Hilfe man fest gerechnet hatte, distanzieren sich, dafür unterstützen einen andere, von denen man es nie erwartet hätte. Das, was man so fest als Ziel im Auge hatte, wird fragwürdig und mühsam. Die Einheit unter den engsten Mitarbeitern hat einen Riss bekommen, das Vertrauen ist angeknackst, man fühlt sich im Stich gelassen. Gerade jetzt, wo man dachte, jetzt kommt alles drauf an, gerade jetzt sitzt man auf dem Trockenen.

Liebe Gemeinde,
da sind Christen voller Feuereifer losgezogen, den Glauben an Jesus zu verbreiten. Eine Menge Leute sind offen dafür, ja sie haben geradezu einen Hunger nach Gottes Wort. Menschen kommen zum Glauben, neue Gemeinden entstehen, eine unwahrscheinliche Dynamik steckt in der ganzen Sache, Jesus ist Stadtgespräch. Ganze Regionen werden erfasst von der Begeisterung für den Glauben. Aufbruchstimmung pur.

Doch auf einmal kommt alles ins Stocken. Mitarbeiter zerstreiten sich. Missverständnisse wachsen sich zu bösen Intrigen aus. Fronten bauen sich auf, Menschen kündigen die Mitarbeit auf. Die Begeisterung ist weg, alles nur noch lästige Pflicht, mühsam und anstrengend. Die Sache mit Gott reißt keinen mehr vom Hocker. Die Menschen scheinen auf einmal total verschlossen, wie verstockt.

Liebe Gemeinde, so ist es dem Paulus auf seiner zweiten Missionsreise ergangen.
Textlesung Apg 16, 6-10

Paulus erste Missionsreise war sehr erfolgreich gewesen: Im Libanon, in Syrien, auf der Insel Zypern, in der Türkei, überall sind neue Christengemeinden entstanden. Aufbruchstimmung, wohin man sah. Voller Eifer ist Paulus nun zum 2. Mal in Richtung Türkei losgezogen. Kaum ist er unterwegs, hat er mit Barnabas, einem seiner engsten Mitarbeiter, einen schlimmen Streit. Die beiden können sich nicht einigen, und so trennen sie sich schließlich. Paulus findet zwar einen neuen Reisegefährten, den jungen Timotheus. Aber mit seiner Missionsarbeit geht es nicht voran. Gerade jetzt, wo er doch den Timotheus anlernen will, gerade jetzt geschieht absolut nichts. Total tote Hose überall. Nirgendwo sind sie gefragt. Im Zickzack verläuft ihre Reiseroute, plan- und ziellos wandern sie mal da, mal dorthin. Weite Strecken werden zurückgelegt, alles für die Katz. Sie sind auf einmal sozusagen mega-out, niemand interessiert sich für sie und ihre Predigt. Sie möchten den Menschen von Jesus erzählen, aber keiner will es hören, sie stoßen überall auf Hindernisse, ja es heißt sogar: Der heilige Geist hinderte sie, in eine bestimmte Gegend zu fahren, um dort zu predigen.

Liebe Gemeinde, kennen wir solche Situationen? Da geht man voller Eifer und Tatendrang an eine gute und vermeintlich gottgewollte Sache, und dann liegen einem nichts als Steine im Weg. Leute, mit Hilfe man fest gerechnet hatte, distanzieren sich, dafür unterstützen einen andere, von denen man es nie erwartet hätte. Das, was man so fest als Ziel im Auge hatte, wird fragwürdig und mühsam. Die Einheit unter den engsten Mitarbeitern hat einen Riss bekommen, das Vertrauen ist angeknackst, man fühlt sich im Stich gelassen. Gerade jetzt, wo man dachte, jetzt kommt alles drauf an, gerade jetzt sitzt man auf dem Trockenen.

So ging es Paulus und Timotheus bei ihrer Reise durch die Türkei. Kreuz und quer ziehen sie durchs Land, vom Südosten in den Südwesten und von da in den Norden fast bis ans schwarze Meer und dann wieder westlich bis ans Mittelmeer. Ich habe mir das auf der Karte angeguckt, und die beschriebene Route ist Luftlinie eine Strecke von ca. 1000 km! Aber eben nicht auf flacher Straße, sondern durchs Gebirge. Die haben also mit Aufenthalt in den verschiedenen Orten vermutlich Monate gebraucht. Bestimmt waren sie manchmal total frustriert. Was soll soviel vertane Zeit? Ein halbes Jahr und kein einziger Neuchrist! Gott, du hast mich doch beauftragt Menschen für den Glauben zu gewinnen! Warum zeigst du uns keinen klaren Weg? Paulus ist in einer Sinnkrise. Er weiß überhaupt nicht mehr, wo’s lang geht. Er hat keinen Plan, kein Ziel. Schließlich landen er und Timotheus in der Hafenstadt Troas. Endstation. Da kommt jetzt nur noch das Meer.

Manchmal ist das so nach einer langen Durststrecke: Auf einmal hat man eine Idee, auf einmal sieht man ganz klar, was jetzt dran ist, und man fragt sich: Warum ist mir das nicht schon früher eingefallen? Warum hat Gott mich so lange warten lassen? Neue Wege brauchen Zeit, manchmal auch eine intensive Zeit der Sinnkrise. Auf einmal jedenfalls tut sich bei Paulus was. "Und dem Paulus erschien ein Gesicht bei Nacht", steht in Vers 9. Nachts hat man ja nicht unbedingt die schlechtesten Einfälle. Vielleicht hat Paulus wachgelegen und gegrübelt und gebetet, nachts hat man ja mehr Zeit dazu und sieht die Dinge oft erstaunlich klar. Nachts, auch im Traum, arbeitet unser Gehirn ganz intensiv, weiß die heutige Schlafforschung. Nachts arbeitet offenbar auch Gottes Geist ganz intensiv, wenn du dafür offen bist. Entschlüsse noch einmal eine Nacht zu überschlafen ist deshalb eine weise Empfehlung. Denn da kann Erstaunliches passieren, wie bei dem Chemiker Friedrich August Kekulé:

Schon lange hatte er sich gefragt: Wie sind die sechs Kohlenstoff- und sechs Wasserstoff-Atome des Benzol-Moleküls angeordnet? Eines Nachts träumte er von einer Schlange, die sich selbst in den Schwanz beißt - ein uraltes Alchemisten-Symbol. Und das war die Antwort: Die Atome bilden eine Ringstruktur.
Auf Basis von Kekulés Theorien konnten ab den 1860er-Jahren die unterschiedlichsten synthetischen Farbstoffe produziert werden. In der Folge entwickelten sich deutsche Farbstoffhersteller wie Bayer, Hoechst und BASF zu internationalen Marktführern. Die im Traum gewonnene Einsicht von Kekulé hatte in kurzer Zeit die Chemie revolutioniert.

So ähnlich ging es Paulus und Timotheus. In einer nächtlichen Vision sieht er plötzlich einen Europäer vor sich, genauer gesagt einen Griechen, der sagt: Komm herüber und hilf uns. Und auf einmal ist alles klar, er sieht wieder Land, er weiß, wie der Weg weitergehen soll und hat auch das ganz sichere Gefühl: Das ist jetzt das Richtige.

Kennst du das? Dass du nach einer langen Zeit der Ungewissheit, der Durststrecke, auf einmal Klarheit hattest? Vor einiger Zeit habe ich einer Frau eine mail geschrieben. Ich wusste, dass sie vor einer schwierigen Entscheidung stand. Ich habe ihr geschrieben: „Dass du in den Durststrecken der kommenden Zeit von Gott berührt wirst, dass er dir seinen Weg zeigt und du darüber froh wirst, das ist mein Gebet für dich.“ Und dann schrieb sie mir wieder: „Ich glaube Gott hat mich schon berührt, mehrmals auf meiner letzten Durststrecke! Erstaunlich! Ich erfahre von vielen Seiten Zuspruch und auch Hilfe. Der Weg es zu schaffen ist also frei...von Gott für mich freigeräumt? Ich bin schon gewillt es so zu sehen.“ 

So ähnlich muss es Paulus in Troas gegangen sein. Ihm ist jedenfalls ganz klar: Europa: Das ist jetzt Gottes Weg für ihn. Er soll neues Terrain betreten, mit dem Schiff von Asien nach Europa, von der Türkei nach Griechenland übersetzen. - Vielleicht will Gott auch von dir, dass du neues Terrain betrittst. Aber viele kreuzen lieber ziellos durch das bekannte Gebiet, zwar unzufrieden, aber wenigstens vertraut.

Zu Paulus sagt Gott im Traum: Brich auf zu neuen Ufern. Lass Asien hinter dir, Europa ist jetzt angesagt. Vielleicht sind wir manchmal deshalb so gelähmt, weil wir uns vom Alten nicht lösen können. Etwa dem Traum eine Sache unbedingt zu Ende bringen zu müssen. Vielleicht wollte Paulus eigentlich erst die gesamte Türkei missionieren. Aber Gott wollte, dass er nach Europa ging! Vielleicht gibt es auch bei dir Wunschträume, die du erst aufgeben musst, ehe du neues Terrain erkennen kannst.

Und ein Letztes: Als Paulus erkannt hat, was jetzt für ihn dran ist, da fackelt er nicht mehr lange. Er setzt es sofort in die Tat um. In Vers 10 heißt es: Als er aber das Gesicht gesehen hatte, da trachteten wir alsbald, zu reisen nach Mazedonien, gewiss, dass uns Gott dahin berufen hätte, ihnen das Evangelium zu predigen.

Das als richtig Erkannte wird sofort in die Tat umgesetzt und nicht erst auf die lange Bank geschoben. Das Wörtchen "sofort" spielt in der Bibel oft eine große Rolle. Als der Verwalter von Abraham für dessen Sohn Isaak auf wundersame Weise eine Frau gefunden hat und sich ganz sicher ist: Das ist die Richtige, da sagen die Verwandten der Frau: Bleib noch ein paar Tage und ruh dich aus von der weiten Reise, aber er sagt: Nein, morgen früh sofort geht’s los. Nicht noch lange Abschiedsszenen und überall Abschiedsbesuche und Tränen, haltet mich nicht auf, denn der Herr hat Gnade zu meiner Reise gegeben. 

Wenn Gottes Wille einmal klar ist, dann duldet das keinen Aufschub. Es gibt zu viele versäumte Gelegenheiten, gerade auch im Reich Gottes. „Wir waren sicher, das Gott uns gerufen hatte“, schreibt Paulus. Wenn du die Gewissheit hast: Das ist jetzt das Richtige, dann nutze den Impuls und setz die gottgegebene Vision auch in die Tat um. Alles Diskutieren mit anderen bringt dann nichts mehr und kostet nur Kraft. Gerade den Rat der engsten Verwandten schätzt die Bibel da sehr skeptisch ein. Für Paulus ist die Sache jetzt klar, endlich, nach langer Ungewissheit, und jetzt wird das Erkannte sofort in die Tat umgesetzt.

Ja, und wie das dann weitergeht mit Paulus und Timotheus in Europa, das ist auch eine sehr spannende Geschichte, das können Sie in Apostelgeschichte Kapitel 16 weiter nachlesen. Dir und mir aber wünsche ich, dass wir in schwierigen und langwierigen Durststrecken nicht den Glauben verlieren, dass wir offen sind für die Visionen Gottes. Und dass wir bereit sind, wenn Gott möchte, dass wir neues Terrain betreten. Amen