Gott sei dank, das ich besser bin als die

Nachricht 21. August 2020
Fresko in der Basilika Ottobeuren

Gott sei Dank, dass ich besser bin als die!

Gedanken zu Lk 18,9–14
 
Jesus sagte zu einigen, die sich einbildeten, fromm zu sein und die anderen verachteten, folgendes Gleichnis:

Zwei Männer gingen hinauf in den Tempel, um zu beten, der eine ein Pharisäer, der andere ein Zöllner. Der Pharisäer stellte sich alleine hin und betete so: Ich danke dir Gott, dass ich nicht bin wie die anderen Leute, Räuber, Betrüger, Ehebrecher oder auch wie dieser Zöllner. Ich faste zweimal die Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich einnehme.

Doch der Zöllner blieb hinten stehen und wollte auch nicht die Augen zum Himmel aufheben, sondern schlug sich an die Brust und sagte: Gott sei mir Sünder gnädig!

Ich sage euch: Dieser ging gerechtfertigt in sein Haus hinab, nicht aber jener. Denn wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden.

Wir Wiederkäuer

Das Gleichnis ist ein Klassiker unter den Bibeltexten. In bibelfesten Kreisen kann da schnell mal abgewunken werden: „Ach das! Das kenne ich doch!“ Dabei haben es gerade die vermeintlich „bekannten Bibelstellen“ meist in sich und das Problem, oft verkannt zu werden, weil man gar nicht mehr richtig hinhört. Man glaubt, die Pointe längst zu kennen. Und so ist der Pharisäer schon verurteilt, ehe das Gleichnis zu Ende gelesen ist.

Gut, dass auch solche Texte als Predigttexte immer mal wieder kommen, auch wenn man sie scheinbar in- und auswendig zu kennen meint. Die ruminatio ist das Wiederkäuen der Nahrung bei bestimmten Tierarten. Es ist aber auch eine sehr alte Form christlicher Meditation. Man kaut einen Text immer wieder durch, weil er auch nach dem ersten und zweiten Verdauen noch immer Nahrhaftes enthält. Der Gottesdienst bietet hierfür Raum. Nun aber zum Gleichnis:

Wir stellen uns unter einem Pharisäer in der Regel einen eitlen Menschen vor, der seine eigene Fehlerlosigkeit und Frömmigkeit nach außen penetrant zur Schau stellt. In den Evangelien werden die Pharisäer als hinterlistig und unaufrichtig dargestellt. Ein Pharisäer ist in unserer Vorstellung ein Heuchler, der anderes sagt, als er dann wirklich tut. Unter Umständen ist er sogar ein Verräter. Der Volksmund hat diese Vorstellung eines Pharisäers längst übernommen. Wenn man jemanden als „Pharisäer“ beschimpft, dann steckt dahinter schon eine ziemlich schwere Anschuldigung. Und es ist nicht von ungefähr, dass der Kaffee oder der Kakao, in dem ein ordentlicher Schuss Rum versteckt und der mit einem Sahnehäubchen getarnt ist, auf der Getränkekarte im Norden als „Pharisäer“ aufgeführt wird.

Dagegen der Zöllner: Er existiert vor unserem inneren Auge als ein Mensch von beeindruk-kender Demut und Wahrhaftigkeit. Aber Zöllner im antiken Palästina waren bei weitem nicht so, wie sie in unserer Vorstellung leben. Denn unter einem Zöllner haben wir uns in Wirklichkeit wohl eher einen ziemlich abgebrühten, geldgierigen und meist auch skrupellosen Burschen vorzustellen. Zöllner waren Leute, die ohne Hemmungen mit den römischen Besatzern – den „Feinden“ also – kungelten und zusammenarbeiteten. Hauptsache, es lohnte sich für sie finanziell. Nichts hinderte den Zöllner daran, die von Rom vorgeschriebenen Zölle einzutreiben plus einen mehr oder weniger unverschämten Betrag, der dann in die eigene Ta-sche ging. Da konnte so mancher Händler und Kaufmann an der Zollstation schon ganz schön geschröpft werden. Und er hatte unter Umständen mehrere davon zu passieren. Nachteil für die Bevölkerung: Die Waren verteuerten sich, da der Kaufmann solche Mehrausgaben natürlich wieder auf seine Preise draufschlug. Zöllner standen damit wohl zu Recht im Verdacht krimineller Machenschaften und waren in der Regel ziemlich wohlhabend. Wenn man heute an einige osteuropäische oder afrikanische Grenzen kommt, hat man den Eindruck: Das läuft heute noch so.

Doch auch der Pharisäer war ganz anders, als wir ihn uns – geprägt vom Bild der Evangelien – so zurechtlegen. Pharisäer waren nämlich Menschen, die ihren Glauben sehr gewissenhaft lebten. Sie nahmen die Tora und darin die Gebote Gottes sehr ernst und suchten unablässig Mittel und Wege, diese Gebote auch wortgetreu zu erfüllen. Das ließen sich die Pharisäer auch einiges kosten, denn dafür übten sie Verzicht, was den Lebensstandard betraf, sie opferten und nutzten die Zeit, um Gottes Wort in den Heiligen Schriften zu studieren und zu verstehen – Zeit, die sie dann nicht zum Arbeiten und zum Geldverdienen zur Verfügung hatte. Die Pharisäer waren auf Reinhaltung bedacht, weshalb sie sich z. B. auch bestimmten Speisen enthielten.

Sehr plakativ könnte man folgende Gleichungen aufstellen: Zöllner: wenig Gott, viel Geld; Pharisäer: Viel Gott, wenig Geld.

Finde den Fehler?

Wenn man sich also die Lebenswirklichkeit von Zöllnern und Pharisäern im 1. Jh. n. Chr. vor Augen hält, dann ist es gar nicht mehr so selbstverständlich, dass Jesus den Zöllner lobt und den Pharisäer verurteilt. Doch wie kommt Jesus dazu?

Beide, der Zöllner und der Pharisäer, messen sich am Maßstab der Bibel, an den zehn Geboten. Sie sind in den Tempel gegangen, um zu beten, um sich unter die Augen Gottes zu stellen und ihren Lebenswandel daraufhin zu betrachten, wie Gott ihre Art zu leben wohl beurteilen würde. Dagegen ist nun erst mal gar nichts einzuwenden. Im Gegenteil: Es wäre gut, wenn auch wir das von Zeit zu Zeit tun würden… Die beiden im Tempel kommen jedoch in ihrem Nachdenken zu ganz unterschiedlichen Ergebnissen. Der Zöllner stellt aufgrund seiner Verfehlungen fest, dass ihm nur noch die Barmherzigkeit Gottes helfen kann. Und um diese bittet er ihn. Der Pharisäer aber kommt zu dem Ergebnis, dass ihm Gottes Barm-herzigkeit im Leben geholfen hat, so zu werden wie er jetzt ist. Und darin sieht er allen Grund, sich bei Gott dafür zu bedanken. Das ist auch nur löblich.

Doch schauen wir noch einmal genauer hin, denn im Tempel passiert dem Pharisäer etwas,  das seine gute Absicht so ziemlich verdirbt und auch das überraschende Ende der Geschichte bewirkt. Er misst sich nämlich nicht nur am Maßstab der Gebote, sondern auch an anderen Menschen – und am Zöllner: Ich danke dir Gott, dass ich nicht bin wie die anderen Leute, Räuber, Betrüger, Ehebrecher oder auch wie dieser Zöllner.  Er misst sich nicht nur nach oben in seinem Verhältnis zu Gott. Er misst sich auch nach unten. Er sucht nicht nur seinen Platz, sondern weist auch anderen ihren Platz in der Werte-skala zu, und auf dieser Werte-skala sieht er sich gegenüber anderen als der bessere Mensch. Tja, und damit hat es der Pharisäer zum Ende hin doch noch „verkackt“, bewegt er sich doch jenseits dessen, was Jesus will.

Jeder und jede von uns, wir alle hier, haben schon so gedacht. Und wir alle kennen Menschen, die auch so denken, die sich ständig mit anderen vergleichen und andere verächtlich machen, nur um selbst besser dazustehen. Doch wir wissen von Jesus her, dass das nicht in Ordnung ist. Darum sollten wir uns vorher immer, wenn wir zu einem Urteil über einen anderen Menschen ansetzen, auf die Zunge beißen und kurz nachdenken: Wie hätte Jesus diesen Menschen angesehen? Was hätte er zu ihm gesagt und vor allem: Wie hätte er es gesagt?

Was siehst du den Splitter in deines Bruder Auge und nimmst nicht wahr den Balken in deinem Auge? (Mt 7,3), fällt mir dazu ein.

Riskante Monologe

Gerade werden Menschen wieder ganz unverhohlen eingeordnet: „Die da“ und „Wir hier“. Und das ist nicht nur ein Problem der USA. Die Fronten werden gerade wieder hochgezogen – oder sind es schon – und die willkürliche Einteilung nach unseren menschlichen Maßstäben ist das Öl, das ständig ins Feuer gegossen wird. Das Fatale dabei ist, dass diese menschlichen Hackordnungen von Vielen ganz selbstverständlich hingenommen werden und Jesu Maßstab völlig in Vergessenheit gerät. Wir kommen immer mehr – und sind es schon – in die Situation, wo wir neben 1000 Monologen nicht einen Dialog mehr führen. Schon allein deshalb, weil man angeblich ja immer schon weiß, was der andere sagen wird.

Ich erinnere mich noch sehr gut daran, wie ich früher im Sportunterricht, wenn die Mannschaften für Fußball oder Handball zusammengestellt wurden, immer unter die drei letzten fiel, die noch auf der Bank saßen. Die stärksten Spieler durften immer abwechselnd die Spieler für ihre Mannschaft bestimmen, und mir war immer unwohl zu wissen: Mir wird nicht zugetraut, dass ich auch etwas zum Sieg für meine Mannschaft beitragen könnte. Während die anderen die Besseren waren, zählte ich damit automatisch zu den Schlechteren.

Durch alle Ebenen hindurch werden Menschen so eingeteilt. Da sind wir auf einmal die Christen im Gegensatz zu den Muslimen. Da gibt es eine Kerngemeinde, und die anderen sind die Gäste. Da sehen wir die Bildzeitungsleser und Wahrheitsverdreher, während wir uns doch solide informieren und uns im Dialog unsere Meinungen bilden. Da sind wir diejenigen, auf die man sich verlassen kann, während man von den anderen nichts mehr zu erwarten braucht. Von der Bitte um Gottes Barmherzigkeit kein Wort, von (geistlicher) Eitelkeit dafür aber eine ganze Menge.

Jede/jeder bewundert sich vielleicht auch gern im Spiegel, ok. Doch wo unsere Eitelkeit Gott nicht zutraut, dass er mit den anderen Menschen seine eigene Geschichte der Barmherzigkeit hat, da wird sie unbarmherzig und feindselig. Denn dann sperrt sie die anderen aus Gottes Barmherzigkeit aus.

Denkt nur an diese ganzen unsäglichen Rechthabereien in Bezug auf die Corona-Maßnahmen. Jeder will dem anderen sagen was richtig, was überzogen und was gegen das GG steht und das in einer Überheblichkeit, die ihres Gleichen sucht. Da werden nicht die Fragen, die Sorgen, das Leben des anderen zum Maßstab genommen, um gemeinsam einen guten Weg zu suchen. Stattdessen bewirft man sich mit Zahlen und Statistiken sowie mit „Expertenmeinungen“. Der eigene Weg ist der einzig richtige und dahinter gibt es nichts mehr.

Wenn wir also immer und überall nur unsere Maßstäbe anlegen, verstehen wir wenig. Nicht unser, sondern ein übergeordneter Maßstab ist oft hilfreicher. Hier in der Kirche dürfen wir sagen: Gottes Maßstab.

Ganz so neu ist dieser Gedanke freilich nicht. Im Prinzip steht er schon im zweiten Gebot: Du sollst dir kein Bildnis machen von Gott. Und man müsste es eigentlich erweitern: Und auch vom Menschen nicht, denn er ist Gottes Ebenbild, und deswegen verbietet sich unsere menschengemachte Werteskala von oben und unten, von besser und schlechter.

Deshalb war es bei dem Zöllner anders als bei dem Pharisäer, weil der Zöllner sich nur in eine Richtung gemessen hat, in die Richtung Gottes. Er blickt nicht geringschätzig auf diejenigen, die um ihn herumstehen. Nein, sein Maßstab war Gottes Maßstab, und daran gemessen hat er gemerkt, wie weit er sich davon entfernt hatte. Und indem er das für sich erkennt und auch erkennt, wie sehr er Gottes Barmherzigkeit braucht, ist Gott ihm ganz nahe.

Die gute Nachricht dieses Gleichnisses gilt damit vor allen denen, die ihren Platz eigentlich weit entfernt von Gott vermuten, die meinen, sie seien es gar nicht wert, dass Gott sich mit ihnen überhaupt abgibt: Doch gerade ihnen wendet sich Gott zu! Aus ihrem Leben kann und will er etwas machen.

Amen.

Jens Gillner