Wunder gibt es immer wieder

Nachricht 02. Oktober 2020
Frisch gebackenes Brot, Foto: Stefan Leonhardt

Wunder gibt es immer wieder

Ein Dialog zwischen Pastor Jens Gillner (Corvinus) und Prädikant Hans-Joachim Müller (Tostedt) zu Markus 8,1–9:

 

Zu der Zeit, als wieder eine große Menschenmenge da war und sie nichts zu essen hatten, rief Jesus die Jünger zu sich und sprach zu ihnen: Mich jammert das Volk, denn sie harren nun schon drei Tage bei mir aus und haben nichts zu essen. Und wenn ich sie hungrig heimgehen ließe, würden sie auf dem Wege verschmachten; denn einige sind von ferne gekommen. Seine Jünger antworteten ihm: Woher nehmen wir Brot hier in der Einöde, dass wir sie sättigen? Und er fragte sie: Wie viele Brote habt ihr? Sie sprachen: Sieben.

Und er gebot dem Volk, sich auf die Erde zu lagern. Und er nahm die sieben Brote, dankte, brach sie und gab sie seinen Jüngern, dass sie sie austeilten, und sie teilten sie unter das Volk aus. Sie hatten auch einige Fische; und er sprach den Segen darüber und ließ auch diese austeilen.

Und sie aßen und wurden satt. Und sie sammelten die übrigen Brocken auf, sieben Körbe voll. Es waren aber etwa viertausend; und er ließ sie gehen.

 

Jens Gillner (JG): Der Predigttext ist eine der berühmten Wunderberichte im Neuen Testament. Von anderen werden wir gleich noch hören. Dieser steht unter der Überschrift: Die Speisung der 4000. 4000 Menschen wurden von nur wenigen Broten und Fischen satt. Und es sei sogar noch etwas übriggeblieben. Zweifellos ein Wunder. Wenn ich so eine Geschichte lese, dann frage ich mich oft: Was hat es eigentlich mit diesen Wundergeschichten auf sich? Worum geht es da? Sag mal, Joachim, welche Wundergeschichten findest Du denn spannend und

Hans-Joachim Müller (HJM): Eine meiner liebsten Wundererzählungen ist „Die Auferweckung des Lazarus“ (Joh 11,1–45). Mir fallen verschiedene Besonderheiten auf: Lazarus war der Bruder von Marta und Maria – jene Maria, die den HERRN gesalbt hatte. Jesus hatte Lazarus lieb und erfuhr, dass dieser krank war. Aber Jesus kam zu spät. Lazarus war schon gestorben und lag bereits vier Tage im Grab. Vor dieser Szenerie spricht Jesus zu Marta von der Auferstehung, vom Leben und vom Glauben an Ihn. Und Marta antwortet: Ja, HERR, ich glaube, dass Du der Christus bist, der Sohn Gottes … Jesus befahl, den Stein vom Grab wegzuheben und rief Lazarus mit lauter Stimme. Dieser kam zu aller Erstaunen (oder Entsetzen?) heraus, noch gebunden mit den Grabtüchern. Abschließend heißt es: Viele von den Juden glaubten an Ihn. Hast Du auch ein Wunder, das Dir besonders lieb ist?

JG: Ich finde „Die Heilung des Gelähmten“ (Mk 2,1–12) sehr beeindruckend. Vier Freunde brachten einen Gelähmten im Bett. Weil die Menge der Menschen in und vor dem Haus aber so groß war und sie nicht zu Jesus durchkommen konnten, deckten sie einfach das Dach auf und ließen das Bett mit dem Gelähmten zu Jesus hinunter. Jesus sah ihren Glauben und war von dem Freundschaftsdienst so erfreut, dass Er zu dem Gelähmten sagte: Deine Sünden sind dir vergeben. Steh auf, nimm dein Bett und geh heim. Und so geschah es dann auch. Möchtest Du noch eine erwähnen?

HJM: Ja, „Die Heilung eines Blinden aus Jericho“ (Mk 10,46–52), der schrie, als er Jesus vorbeigehen hörte: Jesus, Du Sohn Davids, erbarme Dich meiner! Und da ihn die Umstehenden zum Schweigen bringen wollten, schrie er noch viel mehr. Jesus blieb stehen und fragte ihn: Was willst du, dass ich für dich tun soll? Dieser sprach: Rabbuni, dass ich sehen kann. Und Jesus sprach zu ihm: Geh hin, dein Glaube hat dir geholfen. Hast Du noch eine?

JG: Ja sicher, viele. Zum Beispiel „Die Heilung des Taubstummen (Mk 7,31–37) unmittelbar vor unserem Speisungswunder. Jetzt zum Schluss Du noch eine.

HJM: Gern, die Entscheidung fällt mir nicht schwer: „Die Heilung der blutflüssigen Frau“ (Mk 5,24–34) fasziniert mich auch immer, wenn ich sie lese. Sie beginnt mit: Und es folgte Jesus eine große Menge und umdrängte ihn. Und da war eine Frau, die hatte den Blutfluss seit zwölf Jahren. Sie kam in der Menge von hinten an ihn heran und berührte den Saum seines Gewandes. Denn sie hoffte: Wenn ich nur sein Gewand berühre, so werde ich gesund. Da wandte sich Jesus um, sah sie und sprach: Sei getrost, meine Tochter, dein Glaube hat dir geholfen. Und die Frau wurde gesund zu derselben Stunde.

Aber aus einem bestimmten Grund bitte ich Dich, nun ganz zum Schluss doch noch eine anzufügen. Weißt Du, die aus der Apg.

JG: Du meinst die von der Heilung des Gelähmten im Tempel?

HJM: Ja, die meine ich.

JG: Petrus und Johannes gehen zum Beten in den Tempel und treffen auf einen gelähmten Mann, der um Almosen bettelt. Auch Petrus und Johannes bittet er um etwas Geld. Die beiden blicken zu ihm herunter und Petrus spricht zu ihm: Silber und Gold habe ich nicht; was ich aber habe, das gebe ich dir: Im Namen Jesu Christi von Nazareth steh auf und geh umher! Und Petrus fasste die Hand des Gelähmten und richtete ihn auf. Sogleich wurden seine Füße und Knöchel fest, er sprang auf, konnte stehen und gehen und ging mit ihnen in den Tempel. Und alle, die da waren, haben das gesehen.

HJM: Ich danke Dir. Das ist alles sehr schön und sehr beeindruckend.

JG: Und? Ist Dir in all diesen verschiedenen Erzählungen etwas aufgefallen? Eine Gemeinsamkeit? Etwas Typisches?

HJM: Ja, in der Tat. Aber da bin ich auch erst in einer Fortbildung quasi drauf gestoßen worden. Und in unserem Bibelkreis haben wir ja auch mal mit dir darüber gesprochen. Weißt du noch?

JG: Ja, ich erinnere mich.

HJM: Kannst Du nochmal ein paar Dinge dazu sagen? Ich würde dann gerne noch zwei, drei Gedanken ergänzen.

JG: Ok. Gemeinsamkeiten von Wunderberichten:

  • Es gibt in der Regel immer einen Wundertäter.
  • Es gibt immer einen Menschen oder eine Gruppe, an dem/der das Wunder geschieht. In unserem Predigttext sind es sogar 4000.
  • Es gibt immer ein Wunder wirkendes Wort. Besonders eindrucksvoll, dass es bei der Speisung der 4000 der Segen ist, der von Jesus über Brote und Fische gesprochen wird. Dann: „Lazarus, komm heraus!“ Oder: „Steh auf, nimm dein Bett und geh heim.“ Oder: „Geh hin, dein Glaube hat dir geholfen.“ Oder: „Hefata! Tu dich auf!“ Oder: „Im Namen Jesu Christi von Nazareth steh auf und geh umher!“
  • Es gibt immer eine öffentliche Demon-stration des Wunders: 4000 aßen und wurden satt. Der zuvor Gelähmte stand auf, nahm sein Bett und ging heim. Der blinde Bettler konnte sehen. Dem Taubstummen taten sich seine Ohren auf und er konnte richtig redenredete richtig.
  • Immer gibt es Zeugen: Jüngerinnen und Jünger, Freundinnen und Freunde, die Menge des Volkes.

HJM: Prima, danke. Eine verblüffende Schlussfolgerung möchte ich anschließen – die mich jedenfalls damals an dem Weiterbildungs-Wochenende überaus überrascht hat. Und zwar: Die Auferstehung Jesu war kein Wunder! Das war für mich eine gewaltige umwerfende Erkenntnis! Dabei aber sehr „logisch“, wenn man das in diesem Zusammenhang so sagen kann. Denn:

  • Es gab einen Wundertäter. Das war Gott selbst.
  • Es gab einen Wunderempfänger. Das war ebenfalls Gott selbst.
  • Es gab kein Wunder wirkendes Wort. Jedenfalls ist uns keines überliefert.
  • Es gab allerdings mehrere Wunderdemonstrationen. Jesus zeigte sich erst Einzelnen, dann vielen Menschen.
  • Aber bei der Auferstehung selbst waren keine Begleiterinnen oder Begleiter dabei. Also: keine Zeugen.

Und es gibt noch einen weiteren ganz einfachen Grund, warum die Auferstehung kein Wunder war – Gott konnte nicht sterben! ER, der Schöpfer der Erde und des Himmels, der Herrscher über alles, Er konnte nicht sterben, denn der Tod hat keine Macht über Ihn! Im Gegenteil: Er hatte – und hat immer noch! – Macht über den Tod! ER war im Reich des Todes, aber Er musste dort nicht bleiben. ER hat es durchschritten. Und deswegen gehört die Auferstehung des HERRN nicht zu den Wunder-erzählungen. Gigantische Erkenntnis, oder?

JG: Ja, das stimmt. Aber immer wenn es um Auferstehung geht, sprechen wir ja in der Regel von einem großen Wunder. Dabei ist es doch noch etwas anderes als ein Wunder. Aber du wolltest noch etwas darüber hinaus sagen.

HJM: Ja, sehr gerne, und zwar zu dem Wunder, das unser Ausgangspunkt war. Ich bin ja Handwerker und Techniker von Beruf. Und deswegen mag ich auch sehr gerne praktische Erklärungen – neben den Wundererzählungen, die ich als Christ natürlich ganz besonders schätze. Und da ist mir zur Speisung der 4000 folgendes eingefallen: Es könnte doch gut sein, dass in dem Moment, als Jesus über die sieben Brote und einige Fische den Segen sprach, die Menge, die schon drei Tage bei Ihm ausharrte und nichts zu essen hatte, im Angesicht der zu erwartenden kargen Mahlzeit doch noch mal in ihren Taschen kramte und einige Überbleibsel fand. Da war noch ein Kanten trockenes Brot. Da war noch ein Stück getrocknetes Fleisch. Da war noch der eine oder andere getrocknete Fisch. Und als nun die von Jesus gesegneten Brote und Fische unter ihnen verteilt wurden, da taten sie ihre Reste dazu. Und schon war genügend für alle da. Die berühmte Erkenntnis: Wenn wir teilen, ist genügend für alle da. Das sollten wir uns gerade am Erntedankfest wieder bewusst machen: Wenn wir teilen, ist genug für alle da!

Noch eine weitere Erklärung finde ich sehr schön: Wir werden auch schon mit wenigem satt. Ich nehme als Beispiel dafür besonders gerne unser Abendmahl. Das ist ja in erster Linie ein Ge-dächtnismahl, denn Jesus hat bei der Einsetzung gesagt: „Solches tut zu meinem Gedächtnis.“ Für mich ist es auch ein Stärkungsmahl. Denn ich gehe gestärkt vom Tisch des HERRN. Auch nach dieser Oblate, nach diesem Bröckchen Brot, nach diesem Schluck Wein fühle ich mich gestärkt, und ich bin es tatsächlich.

Wenn wir nur das Stückchen Brot nicht sofort hinunterschlingen, sondern lange genug kauen und sich im Mund vermehren lassen, ja, dann kann es uns tatsächlich sättigen.

Gleichwohl glaube auch ich in jedem Falle an ein Wunder. Es ist zweifellos ein Wunder, wenn sieben  Brote und einige Fische, über die Jesus den Segen spricht, reichen, um 4000 Menschen zu sättigen – und es bleiben sogar noch Brocken übrig. Es wäre allerdings auch ein Wunder, wenn etwa 4000 einander völlig fremde Menschen, das Wenige das sie haben, untereinander teilten. Das erleben wir unter uns leider viel zu wenig. Allerdings ist es für mich überhaupt kein Wunder, gestärkt aus dem Abendmahl, vom Tisch des Herrn, in meinen Alltag zurück-zukehren. Wunder sind möglich, dem der glaubt und Wunder für möglich hält.

JG: Das ist ein schöner Gedanke.

HJM: Ja, sehr ernsthaft. Ich möchte aber dennoch gern mit etwas Vergnüglichem schließen.

JG: Dann versuch es mal!

HJM: Unsere Hündin hat zum Frühstück ein ganz bestimmtes Ritual. Nachdem sie ihren Napf blitzblank geleckt hat, es ist wirklich auch nicht mehr das kleinste Krümelchen darin, läuft sie raus auf die Terrasse und bellt. Damit verkündet sie allen Hunden in der Nachbarschaft, dass sie gerade ein großartiges Frühstück gehabt hat.

Dann kommt sie zu mir, da ich an der Terrassentür warte, gibt Pfötchen und leckt mir übers Gesicht, um sich zu bedanken. Dann läuft sie in die Küche und sieht nach ihrem Napf, ob nicht doch noch etwas nachgekommen ist. Denn sie glaubt auch an die wundersame Futtervermehrung – schließlich lebt sie in einem christlichen Haushalt.

JG: Und? Bekommt sie dann auch noch was?

HJM: …

Jens Gillner