Wenn unser Leben wie im Märchen wäre

Nachricht 26. September 2020
Aladin - illustré par Albert Robida - Paris - Imagerie merveilleuse de l'Enfance - (Quelle: Wikipedia - gemeinfrei)

Wenn unser Leben wie im Märchen wäre

Liebe Gemeinde!

Wie schön wäre es, wenn unser Leben wie im Märchen wäre? Wenn wir einen Zauberstab hätten, mit dem wir unsere Wünsche erfüllen könnten, besonders die, die uns wirklich so sehr am Herzen liegen. Oder wenn wir so eine Wunderlampe hätten wie Aladin in 1001 Nacht. Wann immer wir Angst hätten, oder einen Grund zur Sorge, oder auch nur einen Wunsch, würden wir an der Lampe reiben und ein Flaschengeist würde entweichen und würde sagen: „Ich bin dein Diener. Was verlangst du von mir?“ Und was immer wir wollten, er würde es machen. Dabei wäre es ganz egal, ob wir ein prunkvolles Schloss irgendwo hingebaut haben wollen, einfach nur um dem Vater der tollen Prinzessin so richtig zu imponieren, ob wir das coolste und schnellste Auto fahren wollen und ganz viel Geld besitzen, ob wir unseren Traumjob bekommen wollen oder vielleicht in der Schule die besten Noten haben wollen, natürlich ohne zu lernen. Alles, was uns Sorgen bereitet oder worüber wir uns ärgern, wovor wir Angst haben, wäre mit so einem Flaschengeist kein Thema mehr, oder?

Leider geht das ja mit dem Beten nicht so. „Ich bin dein Diener. Was verlangst du von mir?“ – So antwortet Gott nicht auf unser Gebet. Schade eigentlich. – Aber wahrscheinlich auch irgendwie besser so.

Nein, wenn mir dieses Märchen eingefallen ist, dann nicht, weil ich Gott lieber als Flaschengeist hätte. Sondern weil auch der Bibeltext von einem Geist spricht, der uns geschenkt ist. Nur - davon haben wir schon so oft gehört und das geht bei so manch einem wahrscheinlich hier rein und da wieder raus. Wenn ich mir den Geist aber als solch einen Flaschengeist vorstelle, dann denke ich ganz neu drüber nach und spüre, welche Kraft von so einem Geist ausgehen könnte. Nicht in dem Sinne, dass wir auch so eine olle Lampe geschenkt bekommen, an der wir rubbeln müssen, und dann kommt da ein Gespenst raus. Sondern in dem Sinne, wie wir davon reden „wes Geistes Kind“ jemand ist; mit welcher Geisteshaltung jemand sein Leben lebt.

Zeige mir, wie du auftrittst, was du tust und wie du etwas tust, und ich nenne dir deinen inneren Flaschengeist: den Flaschengeist der Ängstlichkeit, der inneren Härte, der Liebe, der Aggression. – Oft eine Mischung aus mehreren.

Gewöhnlich nennen wir das „den Charakter“ eines Menschen. Aber indem wir das tun, gießen wir da nicht diese Eigenschaften, diese Geisteshaltung in Beton? Ist eben der Charakter. Fertig, aus, Schicksal, unabänderlich. Das Bild vom inneren Flaschengeist ist viel offener. Wenn wir in eine Stresssituation kommen, dann reibt sozusagen jeder von uns blitzschnell an seiner Wunderlampe und ruft seinen Geist. Die Aggressive wird dann sofort laut werden und auf Konfrontation aus sein, der Ängstliche wird verschreckt dasitzen, die Humorvolle wird vielleicht ein Witzchen machen, und der souveräne Liebevolle wird sich Sorgen machen, warum der Andere nun plötzlich so fürchterlich wütend ist. Schlimm, wenn das Schicksal wäre. Wenn mein Leben so in Beton gegossen wäre. Mit diesem Bild möchte ich nicht leben. Und ich finde es auch nicht christlich. Die Vorstellung vom inneren Flaschengeist eröffnet mir die Möglichkeit, mich zu fragen, ob ich mit meinem Flaschengeist wirklich glücklich bin; ob ich wirklich auf ewig diesen Geist herbeirufen möchte. Beziehungsweise, ob ich den weiterhin ungefragt reinlassen möchte in mein Leben. Denn wenn ich den oft genug gerufen habe, dann kommt der schließlich automatisch und so schnell, dass ich es kaum noch steuern kann.

Natürlich ist es nicht leicht, so einen alten Flaschengeist loszuwerden. Die moderne Hirnforschung beschreibt das so: Mit jedem Mal, wo wir in einer bestimmten Weise handeln, oder auf eine bestimmte Weise reagieren, bilden wir im Gehirn neue Synapsen und festigen die entsprechenden Nervenbahnen. Der Vorteil: Wir werden dadurch in dieser einen Richtung immer perfekter. Der Nachteil: Wir werden auch dann immer perfekter, wenn die Richtung falsch ist. Wir werden vielleicht immer perfekter ängstlich, oder perfekter aggressiv oder was auch immer.

Stellen wir uns eine Person vor, die sich niemals darum bemüht, ihre liebevolle Seite zu entwickeln, die immer den anderen die Schuld gibt. Wie wird ihr Leben nach mehreren Jahren in diesen Bahnen aussehen? Diese Person könnte alles haben, was man sich zum Leben nur wünschen kann. Und doch stelle ich mir ihr Leben eher einsam vor, weil es wahrscheinlich niemand besonders lange mit so jemandem aushält, der einem scheinbar so gar keine Liebe zurückgeben kann. Und bei dieser Vorstellung nehme ich mir vor: Ich möchte nicht so sein, nicht so verbittert. Und ich weiß: Ob das so wird, das ist nicht Schicksal; das entscheide ich heute. Indem ich mich heute frage: Welchen Geist will ich in mir tragen und leben?

Und wenn ich den Bibeltext lese, dann denke ich: Genau den Geist wünsche ich mir, der uns sogar schon geschenkt sein soll: Gottes Geist der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit. Und den alten Geistern gegensteuern heißt für mich, zu wissen, dass ich einen anderen Flaschengeist rufen kann. Der am Ende so tolle, höfliche und gebildete Aladin wird am Beginn des Märchens ganz bewusst und in allen Farben als Nichtsnutz und Versager dargestellt. Der typische Bildungsverlierer.

Zu Beginn des Märchens heißt es: „In einer großen Stadt ... lebte ein armer Schneider namens Mustafa. …dessen Sohn, Aladin mit Namen, war ein Tunichtgut. Der Vater hatte nicht viel Zeit und Geld auf seine Erziehung verwenden können, und der Sohn hatte auch nichts gelernt.“ Mit diesem Geist der Perspektivlosigkeit hängt er auf der Straße ab. Erst als sein vermeintlicher Onkel kommt und ihm eine Perspektive eröffnet, er könne mit seiner Hilfe ein angesehener Kaufmann werden, da macht es klick in ihm und er beginnt, sein Leben in die Hand zu nehmen. Dieses im muslimischen Raum überlieferte Märchen von Aladin zeigt uns: Es kommt darauf an, den Menschen Perspektiven zu eröffnen. Ihnen zu helfen, den Geist der Verzagtheit und Perspektivlosigkeit zu überwinden.

Und ebenso ist es auch bei uns. Natürlich hat es nicht jeder von uns gleich leicht mit dem Bändigen unserer ungewollten inneren Flaschengeister. Es gibt natürlich Veranlagungen und - je älter wir werden, desto verfestigter sind auch unsere Verhaltensmuster. Und irgendwann kommen wir vielleicht wirklich an den Punkt, wo wir müde sind und das nicht mehr ändern wollen. Aber solchermaßen die Segel streichen sollten wir, finde ich, frühestens, wenn wir auf dem Geburtstagskuchen nicht mehr genug Platz haben für eine Kerze pro abgeschlossenen Lebensjahr. Frühestens!

Zumal, wo wir Christen sind. Wir können kaum sagen: „Ich sehe keine Hoffnung. Die Welt ist schlecht, es hat keinen Sinn. Woher soll ich da einen anderen Geist bekommen?“ Für uns ist das anders. Wir brauchen nur unseren eigenen Glauben ernst zu nehmen! Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit.
Dieser Satz steht nicht irgendwo. Sondern an diesem Anfang des zweiten Briefes des Paulus an Timotheus.

Durch die theologische Forschung wissen wir zwar, dass dieser Brief nicht wirklich von Paulus geschrieben wurde, aber das schmälert die Weisheit dieses Satzes in keiner Weise. Dieser Brief ist ein Beispiel der damals weit verbreiteten Testamentsliteratur. Da wird versucht, die Botschaft eines bedeutenden Menschen für die nachfolgenden Generationen zusammen zu fassen und lebendig zu erhalten. Und wir haben noch das Glück, dass wir den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit nicht brauchen, weil wir als Christen in einer feindlichen Umwelt unseren Glauben mutig bekennen müssen, sondern nur, um in unserem Leben ein Beispiel zu geben, wie schön es ist, sein Leben im Vertrauen auf Gott führen zu können.

Ob das gelingt, das ist kein Schicksal. Da können wir mitmischen. Können uns überlegen, wes Geistes Kind wir sein wollen. Und ich finde das eine wunderbare Vorstellung, in der nächsten Situation, in der ich mies reagiere, inne zu halten und mir bewusst zu machen, dass ich mich entscheiden kann, welchen Geist ich jetzt zulasse oder rufe. Und ich will lernen, an dieser von Gott geschenkten inneren Wunderlampe zu reiben, und den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit mir zur Hilfe kommen zu lassen.

Ich weiß: Das geht nicht automatisch. Daran werde ich lange arbeiten müssen. Neue Verhaltens- und auch Wahrnehmungsmuster einzuüben, das wird dauern.

Diesen neuen, uns aber schon lange geschenkten Geist, den müssen wir entfachen, wie es im Bibeltext im Vers vorher heißt: „Aus diesem Grund erinnere ich dich daran, dass du die Gabe Gottes entfachst, die in dir ist, indem ich dich gesegnet habe. Denn Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit.“

Amen.

Rosa Leuze