Gott ist Über-All

Nachricht 18. September 2020
Selfie von Alexander Gerst (Quelle: Wikipedia - gemeinfrei)

Gott ist Über-All

Ein Satz des Direktors der ESA, der Europäischen Raumfahrtagentur, geht mir nicht mehr aus dem Kopf. In einem Himmelfahrtsgottesdienst wurde er gefragt, ob er oder seine Kollegen denn Gott nun schon einmal gesehen hätten bei ihrer Erforschung des Himmels und des Alls. Worauf er antwortete: Ich erwarte nicht, Gott im All zu sehen, denn Gott ist Über-All. Das All wäre viel zu klein, um ihn zu fassen.

Ja, denke ich, Gott ist überall. Das kann ich von Gott sagen. Unfassbar, unbegreiflich, überall. Aber wie ist das mit jemandem, den ich so beschreibe? Was kann ich anfangen mit einem Gott, der sich nicht greifen, sich nicht fassen lässt, über den ich mir keine Vorstellungen machen kann? Wenn er überall ist, ist er dann auch bei mir?

Ich will Gott bei mir spüren, ich will ihn ganz persönlich in meinem Leben haben. Ich will ja nicht nur über ihn reden, sondern vor allem mit ihm reden können als einem Gegenüber. Und da muss ich einfach anfangen, ihn mir vorzustellen, ihn zu beschreiben, wie er für mich ist. Um ihn zu fassen zu bekommen, muss ich mir Bilder von ihm machen, in dem Wissen, dass ich von Gott nur reden kann, wie der Blinde von der Farbe.

Wie sehe ich aus?, fragte Gott.

Einige Bilder, wie Gott ist, finden wir in der Bibel. Unzählige darüber hinaus haben sich Menschen von ihm gemacht. Ein moderner Dichter hat besonders schöne Bilder für Gott gefunden, Rafik Schami, in dem kleinen Bändchen: „Wie sehe ich aus?“, fragte Gott.

Rafik Schami stellt sich vor, dass Gott neugierig ist und wissen will, wie die Wesen seiner Schöpfung ihn sehen und was sie über ihn denken. Und so kommt er eines Tages auf die Erde und begegnet dort seinen Geschöpfen, zuerst einem Fisch und dann vielen anderen. Hören wir von einigen seiner Begegnungen:

„Wie sehe ich aus?“, fragte Gott einen Fisch. „Oh“, sagte der Fisch, und vor Schreck entwischten seinem Maul zwei Luftblasen, „Gott ist ein unergründlicher Ozean, tiefer, als alle Wale tauchen, und weiter, als alle Delphine schwimmen können.“

„Wie sieht Gott aus?“, fragte Gott, als er ein Schneeglöckchen traf. „Ach, Gott, du fragst mich, die kleine Schneeglocke? Er ist die unendliche Wärme, die mich zum Leben erweckt und mitten im Frost den Sommer fühlen lässt. Aber nicht nur das. Schon im dunklen Bauch meiner Mutter, der Zwiebel, hörte ich seine Stimme. Er tröstet mich über die Dunkelheit hinweg, ohne die es kein Licht gibt. Ja, er ist der größte Tröster.

„Wie sieht Gott aus?“, fragte Gott einen Distelfink, der sich im kleinen Bach erfrischte. „Ach Gott? Ich glaube, er ist der beste Gesprächspartner der Welt. Er hört immer zu, wenn Menschen, Wale, Vögel, ja sogar dieser Kieselstein, der sich geräuschvoll im Bach badet, zu ihm sprechen. Es sind seine Ohren, die aus mir die schönsten Melodien herauslocken. Und wie alle, die gut zuhören, lacht Gott gerne, ja ich bin sicher, auch er braucht das Lachen, um sein Werk zu vollenden.“ In diesem Augenblick begann ein Esel in der Nähe laut zu iahen. Der Distelfink lachte: „Was habe ich dir gesagt? Er liebt das Lachen, sonst hätte er nicht so viele komische Wesen erschaffen.“ „Für mich ist der Esel aber ein wunderbarer Sänger“, sagte Gott leise und streichelte das graue Tier.

„Wie sieht Gott aus?“, fragte Gott dann auch noch den Regenbogen. „Ein unvorstellbar humorvoller Zauberer“, sag-te der Regenbogen. „Wenn es lange regnet, schenkt er seinen Geschöpfen mit meinem Farbenspiel wieder Hoffnung. Aus winzigen Regentropfen und einem langweiligen, weißen Licht erschafft er mich. Er ist der Meister des Sichtbaren und Unsichtbaren. Wohin man nur schaut, der reinste Zauber.“

Natürlich befragt Gott auch die Krönung seiner Schöpfung, den Menschen. Er besucht einen Maler in seinem Atelier. „Wie sieht Gott aus?“, fragte er den Maler. Der lächelte, schaute sich in seinem großen Spiegel an und malte. Immer wieder betrachtete er sein Spie-gelbild und malte emsig und mit geschickter Hand und leuchtenden Farben ein großes Bild von sich, samt Gewand und weißem Bart. Er prüfte das Gemälde und lächelte zufrieden. „Das ist Gott“, sagte er stolz. Gott schüttelte nur den Kopf. Leise verließ er die Erde, und Zweifel nagten an ihm, ob er beim Menschen nicht irgendetwas falsch gemacht hatte.

Wider die Gottesverzerrungen

Wir brauchen sie, unsere Bilder von Gott, aber Achtung: Allzu oft drehen Menschen die Sache um und formen Gott nach ihrem Bilde. Wie oft dient Gott dann nur noch dazu, die eigenen Pläne durchzusetzen: Gott, der große König – ein prächtiges Bild – aber wie schnell ist Gott dann eingebaut in die herrschenden Machtverhältnisse. Oben und unten als gottgewollt. Und wehe dem, der es wagt, sich dagegen aufzulehnen. Oder Gott, der Erziehungshelfer strenger Eltern: „Der liebe Gott sieht alles“ – und Gott wird als höhere Instanz missbraucht, um Kindern die nötige Angst einzujagen. Wie oft muss Gott als verlängerter Arm der eigenen Wünsche herhalten: Gott, der Richter, der so richtet, wie ich es gerne hätte: „Die Corona-Pandemie ist eine Strafe Gottes. Endlich bekommt diese meiner Meinung nach so gottlose Gesellschaft es einmal richtig gezeigt.“
Viel Unheil wurde und wird mit solchen Gottesver-zerrungen angerichtet, welch ein Machtmissbrauch im Namen des Unfassbaren. Doch Gott ist anders, als wir denken. Gott sei Dank! Und zu Recht sagt die Bibel „Du sollst dir kein Bildnis machen“. Sie warnt mich: Leg Gott nicht fest, keines deiner Gottesbilder kann Gott erfassen. Mit keiner Gottesvorstellung kann ich ihn erreichen.

Ich muss es aber auch gar nicht. Denn es ist umgekehrt. Gott erreicht mich. Die Bibel erzählt von ihrer ersten bis zu ihrer letzten Seite davon, dass Gott selbst in Beziehung zu uns Menschen tritt. Ein Gott, der durch und durch Liebe ist und Gemeinschaft mit mir sucht. In Jesus stellt er sich an meine Seite als Bruder und Mensch.

Lektorin

Ursula Töpperwien

Kirchengemeinde Imbshausen