Impuls zum 2. Sonntag nach Trinitatis, 21.06.2020

Veranstaltung 20. Juni 2020

Frei und unbeschwert

 

„Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.“ Mt 11,28

 

Einstimmung

„Frei und unbeschwert sein… was für ein wunderbares Lebensgefühl ist das. Wer sehnt sich nicht danach, besonders nach den vielen Wochen und Monaten der Kontaktbeschränkungen. Endlich Lockerungen, endlich Sommer, ein bisschen Leichtigkeit. Die hellen, langen Tage locken uns aus den Häusern. An die Hecken. An die Zäune.

„Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken“ – ruft Gott uns zu. Eingeladen sind wir. Die Sonne auf der Haut spüren, den Wind im Haar. Einander neu begegnen. Lachen mit den Lachenden und weinen mit den Weinenden. Wie gut das tut. Gottes wunderbare Schöpfung genießen und seinem Wort etwas zutrauen. Frei werden und unbeschwert…

 

Lied: Psalm 36 (Ev. Gesangbuch 277)

Herr, deine Güte reicht, so weit der Himmel ist, und deine Wahrheit, so weit die Wolken gehen.

Deine Gerechtigkeit steht wie die Berge, und dein Gericht ist tief wie das Meer. Menschen und Tieren willst du, Herr, ein Helfer sein.

Was deine Güte ist, lehr mich begreifen, und deine Wahrheit mach mir bekannt; denn ich verstehe nichts, wenn du es mir nicht sagst. Täglich umgeben mich Worte und Stimmen, aber ich höre gar nicht mehr hin; Denn deine Stimme höre ich nicht mehr heraus.

Wenn ich nichts hören kann, hilf mir dich rufen; hilf mir dich hören, wenn du mich rufst; hilf mir gehorchen, wenn du mich berufen willst.

Dein Wort der Wahrheit ist unsere Bewahrung; aus deinem Leben leben auch wir; Und wir erkennen erst in deinem Licht das Licht.

 

Lesung aus Matthäus 11

25 Zu der Zeit fing Jesus an und sprach: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, dass du dies Weisen und Klugen verborgen hast und hast es Unmündigen offenbart.

26 Ja, Vater; denn so hat es dir wohlgefallen.

27 Alles ist mir übergeben von meinem Vater, und niemand kennt den Sohn als nur der Vater; und niemand kennt den Vater als nur der Sohn und wem es der Sohn offenbaren will.

28 Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.

29 Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen.

30 Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.

 

Still werden…

einen Moment innehalten, loslassen… die „Orgel zu 4 Händen und 4 Füßen“ genießen, eingespielt von Benjamin Dippel und Meike Davids:

Leberecht Baumert (1833-1904) – Andante aus der Sonate g-Moll, op.50, 3

 

https://youtu.be/I3rS78dgrqA

 

Impuls

Freitagabend. Mein Handy klingelt. „Wir müssen reden“, sagt meine Freundin. Sie klingt erschöpft. „Es wird mir zu viel. Zu groß. Zu schwer für mich allein. Das mühsame Suchen nach einer Normalität im Alltag, die eben nicht normal ist- das strengt mich so an. Das vorsichtige Tasten danach, ob ich mich eigentlich freuen darf.

Ich habe die Krise bislang einigermaßen wohlbehalten überstanden. Aber wie sehr die halbe Welt inzwischen leidet, und wie so oft, die Ärmsten der Armen am meisten, ich halte das kaum aus. Was meinst du, was kann man nur tun? Wird das irgendwann vorbei sein mit diesem Virus? Ich will mir einfach nicht vorstellen, jetzt dauerhaft mit Sicherheitsabstand leben und lieben zu müssen.“

„Nein, ich auch nicht“, versichere ich ihr und versuche tröstlich zu klingen. Wie gern würde ich sie jetzt in den Arm nehmen. Aber sie redet schon weiter, allerdings klingt sie jetzt nicht mehr ganz so erschöpft, eher wütend:

„Dazu die anderen großen Themen, die immer noch da sind. Trotz Corona. Irgendwie hatte ich ja gehofft, durch diese Krise würde sich etwas verändern. Wie sollen wir denn in Zukunft noch zusammenleben? Ich will mich nicht daran gewöhnen, dass ein 7-jähriges Mädchen demonstrieren gehen muss gegen Rassismus. Wie oft soll ein Kind denn niederknien müssen, damit es in Frieden aufwachsen kann? Oder die Teenager? Warum müssen denn Teenager uns Erwachsenen ständig in Talkshows erklären, dass das Klima in Gefahr ist? Das kann doch jeder sehen, der seine Augen aufmacht.“

Mittlerweile schreit sie fast ins Telefon. Ich kann körperlich spüren, wie verzweifelt sie ist. Es wird ein langes Telefonat.

Natürlich hat sie recht, meine Freundin. Wir müssen reden – aber wie? So vieles ist gesagt. Von vielen. Ziemlich oft. Was also dann? Wie kann sie Trost finden oder wenigstens zur Ruhe kommen? Ist es besser, wenn ich schweige? Ja, eine Weile schon, aber nicht nur. Sie will auch Antworten von mir.

„Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken“ so heißt Jesu Wort aus dem Bibeltext für heute, ob sie damit etwas anfangen kann? Erquicken – das täte ihr gut, mir übrigens auch! Statt Diskutieren und Streiten und Demonstrieren: Erquickt werden! Klingt herrlich. Erholsam. Etwas altmodisch vielleicht, aber verheißungsvoll. Erfrischend. Frei und unbeschwert. Ich kann klar kommen mit dem, was mich belastet. Aber es funktioniert nicht dadurch, dass ich meine, alles in den Griff kriegen zu können. Es funktioniert nur mit Vertrauen.

Ob ich meiner Freundin sagen kann, dass es mir manchmal hilft, wenn ich einfach bete? „Klar, sagt sie sofort, das verstehe ich schon. Geht mir auch so: Nur, wenn ich nicht schweige, sondern meine Not mit anderen teile, werden meine Sorgen kleiner. Darum ruf ich dich ja an!“, lacht sie. Noch lange geht es zwischen uns hin und her.

Ein bisschen streiten wir uns, ob es wichtiger ist, in der Klimafrage aktionistisch bei jeder Gelegenheit demonstrieren zu gehen und sich aktiv für den Klimawandel zu engagieren. Oder ob es nicht viel wichtiger ist, vor allem eine bewusste Haltung zu entwickeln und sich selbst um einen nachhaltigen ökologischen Fußabdruck zu bemühen. Schließlich einigen wir uns auf beides. Besser mit anderen vor die Tür gehen und verhandeln, über das was gut und wichtig ist, als zuhause sitzen und sich ins Private zurückziehen. Besser sich selbst klimagerechter zu verhalten, als zu meinen, die Wahrheit verberge sich in irgendwelchen Internetblasen. Als wir nach einer Stunde endlich auflegen, bin ich müde. Aber so viel ist klar, das Gespräch hat gutgetan. Nicht nur meiner Freundin. Mir auch.

Vielleicht, weil wir es meistens schaffen, gut miteinander umzugehen – auch wenn wir mal nicht einer Meinung sind. Mit Verständnis und Respekt. Liebevoll. Klar, wenn wir nicht befreundet wären, wäre das wohl weniger selbstverständlich. Aber uns beiden ist auch bewusst: Keine von uns kann die Welt alleine retten, muss sie auch nicht– wir alle sind Gottes, manchmal so mühselige und beladene, geliebte Kinder. Aber oft brauchen gerade die Weisen und die Klugen etwas länger, um das zu begreifen, meint Jesus und breitet die Arme weit aus: „Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken“ – uns allen gilt diese Einladung. Uns allen ist sie versprochen: Gottes Liebe, stärkend und belebend. Gott entlässt uns nicht aus der Verantwortung, aber er trägt sie mit uns. Gibt uns immer wieder neue Kraft für den lauten oder den stillen Protest, das leise oder das deutliche Eintreten für eine Veränderung zum Guten.

Der Theologe Jörg Zink hat mal geschrieben:

„Ich wünsche dir nicht ein Leben ohne Entbehrung, ein Leben ohne Schmerz, ein Leben ohne Störung. Was solltest du mit einem solchen Leben?

Ich wünsche dir aber, dass du bewahrt sein mögest an Leib und Seele. Dass dich einer trägt und schützt und dich durch alles, was dir geschieht, deinem Ziel entgegenführt.

Dass du unberührt bleiben mögest von Trauer, unberührt vom Schicksal anderer Menschen, das wünsche ich dir nicht. So unbedacht soll man nicht wünschen.

Ich wünsche dir aber, dass dich immer wieder etwas berührt, das ich dir nicht recht beschreiben kann. Es heißt Gnade.

Es ist ein altes Wort, aber wer sie erfährt, für den ist sie wie ein Morgenlicht.

Man kann sie nicht wollen und erzwingen, aber wenn sie dich berührt, dann weißt du: Es ist gut."

Wir müssen reden. Über Gnade also? Ja, womöglich ist es genau das, worüber wir viel mehr reden müssen. Wie das geht, gnädig miteinander umzugehen. Respektvoll, liebevoll, hoffnungsvoll. Corona wird uns noch eine Weile begleiten, die anderen großen Fragen dieser Zeit auch. Aber wir sind frei. Frei füreinander einzustehen. Zu lachen mit den Lachenden und zu weinen mit den Weinenden. Das geht auch mit Kontaktbeschränkung. Uns gegenseitig Last von den Schultern nehmen. Und ja, beten. Immer wieder beten. Damit das Leben leichter wird. Für alle. Klar und erfrischend. Wie gut das tut. Gottes etwas zutrauen. Frei werden und unbeschwert. Einander neu begegnen… bis der Himmel sich öffnet – für dich und für mich und diese Welt, in der wir leben! AMEN.

 

Lied: Komm, sag es allen weiter (Ev. Gesangbuch 225)

Komm, sag es allen weiter, ruf es in jedes Haus hinein! Komm, sag es allen weiter, Gott selber lädt uns ein. (Refrain)

Sein Haus hat offene Türen, er ruft uns in Geduld, will alle zu sich führen, auch die mit Not und Schuld.

Wir haben sein Versprechen, er nimmt sich für uns Zeit, wird selbst das Brot uns brechen, kommt, alles ist bereit.

Zu jedem will er kommen, der Herr in Brot und Wein. Und wer ihn aufgenommen, wird selber Bote sein.

 

Persönlich beten

Gott, du Ursprung des Lebens, deine Güte reicht, so weit der Himmel ist und deine Wahrheit, so weit die Wolken gehen.

Mich belastet und bedrückt heute…

Hilf mir, meine Sorgen loszulassen. Erfrische und belebe mich. Zeige mir den Weg, wie Leben gelingt. Für mich und die Menschen, die du mir ans Herz legst.

Ich denke besonders an…

Sei bei Ihnen. Schenke Ihnen die befreiende Gewissheit, dass du an ihrer Seite bist.

Ich danke dir heute für…

Nimm uns alle mit hinein in deine Liebe durch Jesus Christus und versöhne diese Welt:

 

Vater unser im Himmel

 

Segen

Gottes Geist beflügle deine Phantasie. Gottes Atem lebe in deinen Träumen. Gott segne und behüte dich und begleite dich auf jedem Schritt.

Gott segne die Suchende in dir und die Wiedergefundene und die sich schwer tut teilzunehmen an dem Fest, zu dem du eingeladen bist.

Gott segne dich mit Liebe, die du mit vollen Händen verschwenden kannst. Und mit dem Duft, den der Wind herbeiträgt, belebend, voller Zärtlichkeit und Frieden.

Gott segne dich, dass dich die Hoffnung auf eine gute Zukunft ergreift. Deinen Blick zurück segne Gott und deine Schritte nach vorn. Dass du anderen zum Segen wirst, sein Friede sei mit + dir.

Amen.

Stephanie von Lingen
Entenmarkt 2
37154 Northeim
Tel.: 05551 - 911637