Impuls zum 7. Sonntag nach Trinitatis, 26.07.2020

Veranstaltung 24. Juli 2020
Meeresfrüchte und reichlich Wein beim Abendmahl – Fresko in der Kirche San Martino in Bondo (Schweiz); Foto: Stefan Leonhardt

Zusammen an einem Tisch

Miteinander essen und trinken – das gehört zu den Grundritualen des christlichen Glaubens. Von Jesus wird in den Evangelien erzählt, dass er sich immer wieder zu Gastmählern eingeladen hat. „Fresser und Weinsäufer“ haben ihn seine Gegner deshalb abwertend genannt. Am Abend vor seinem Tod hat Jesus mit seinen Jüngern das Passahfest gefeiert und ihnen aufgetragen, Brot und Kelch als Zeichen seiner bleibenden Nähe miteinander zu teilen. Und die ersten Christen haben das weitergeführt, haben sich sonntags getroffen zur Abendmahlsfeier und anschließend zusammen gegessen. Tischgemeinschaft – der heutige Sonntag will deutlich machen, warum das so wesentlich ist.


Engel vor der Tür

Bleibt fest in der geschwisterlichen Liebe. Gastfrei zu sein vergesst nicht; denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt. Denkt an die Gefangenen, als wärt ihr Mitgefangene, und an die Misshandelten, weil auch ihr noch im Leibe lebt. (Hebräer 13,1-3)

 

Detail der Abendmahlsdarstellung in der Kirche San Martino in Bondo (Schweiz), Foto: Stefan Leonhardt

Ein Stück Himmel auf Erden

Er hieß Nikolaos. Ein griechischer Mitschüler, der mit mir und einigen anderen Alt-Griechisch in der Schule lernte, die Sprache der Antike. In der 12. Klasse machte unser Kurs eine Studienfahrt nach Griechenland. Drei Wochen. Mit dem Bus kreuz und quer durchs Land, ein strammes Besichtigungsprogramm. Eines Tages stellt sich heraus: Wir würden durch das Dorf von Nikolaos‘ Familie kommen. „Darf ich kurz meine Großeltern begrüßen?“, fragte er. Da konnte unser Lehrer schlecht Nein sagen. Am Abend vorher wurden die Verwandten per Telefon informiert und am nächsten Tag war es soweit. Der Bus fuhr in den Ort hinein. Und wir konnten es nicht glauben: Das ganze Dorf hatte sich versammelt. Nikolaos wurde überschwänglich begrüßt mit vielen Umarmungen, Küssen und
großem Hallo. Großeltern, Onkel, Tanten, etliche Cousins und Cousinen. Tische waren aufgebaut mit so viel Essen drauf, dass sie
fast zusammen brachen. Wir alle wurden eingeladen. Mit ganz viel Wärme und Herzlichkeit. Es war unglaublich. Nach vier Stunden
hatten wir das Gefühl: Wir platzen. Das Besichtigungsprogramm fiel an dem Tag aus. Aber dieses Erlebnis hat mich mehr berührt als alle Museen und antiken Tempel.

„Gastfrei zu sein vergesst nicht“, legt der Verfasser des Hebräerbriefs seinen Leserinnen und Lesern ans Herz. Im Mittelmeerraum ist Gastfreundschaft eine heilige Pflicht. So wie ich das damals in Griechenland erlebt habe. Wer ungastlich ist, bringt Schande über sich und sein Haus. Aber der Hebräerbrief geht noch weiter: Vielleicht sind es ja Gottes Engel selbst, die vor eurer Tür stehen, sagt er. Von Abraham und Sara, den Stammeltern des Volkes Israel wird erzählt, dass sie drei Boten Gottes bewirten. Nach dem Essen wird den beiden gesagt: Ihr bekommt einen Sohn. Trotz eures fortgeschrittenen Alters. Und auch Jesus hat immer wieder bei Menschen angeklopft und sich eingeladen. Gerade bei solchen, mit denen sonst niemand an einem Tisch sitzen wollte. Bei Zachäus zum Beispiel, dem betrügerischen Zolleintreiber. Den hätten am liebsten alle zum Mond geschossen. Jesu Zuwendung öffnete ihm den Blick dafür, das etwas schief war in seinem Leben. Und das gab den Anstoß, etwas zu verändern.

Gott selbst lädt sich ein. Ich denke an eine ältere Freundin. Sie ist schon lange verwitwet. „Anfangs fiel es mir schwer, allein in den Urlaub zu fahren“, sagt sie. Ganz allein irgendwo zwei Wochen zu verbringen, das hört sich nicht besonders prickelnd an. Aber dann hat sie gemerkt: Gerade als Alleinstehende kann ich im Urlaub Menschen kennenlernen. Weil ich offener bin, als wenn ich mit einem Partner und der Familie verreise. Beim Frühstück im Hotel, beim Abendessen im Restaurant haben sich spannende Gespräche ergeben, wenn Unbekannte mit am Tisch saßen. Wir Norddeutschen sind damit ja eher zögerlich. Meine Freundin hat gemerkt: Es lohnt sich, zu fragen: Darf ich mich zu Ihnen setzen? Oder einladend zu sein: Kommen Sie ruhig an meinen Tisch! Langjährige Kontakte haben sich daraus ergeben. Oder sogar enge Freundschaften. Und das Gefühl: Ich bin reich beschenkt. Trotz allem. „Gastfrei zu sein vergesst nicht; denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt.“

Gastfreundlich zu sein, heißt: dem, was Jesus schenken will, Raum zu geben unter uns. „Ich bin das Brot des Lebens“, hat er von sich gesagt. Und „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.“ Einer, der Hunger stillt, viel mehr als jedes gebackene Brot und jedes noch so leckere Gericht. Aber den man nicht einfach für sich haben kann, sondern immer nur in Gemeinschaft mit anderen. Im Abendmahl feiern wir das und lassen es uns zusprechen. Und jedesmal, wenn wir andere einladen an unseren Tisch, tragen wir das in den Alltag hinein. Im Urlaub. Am Kaffeeautomaten im Krankenhaus. Am Bratwurststand. Nicht nur als die Gebenden. Sondern immer auch die, die etwas empfangen.

Wie bereichernd das ist, das haben wir jetzt in der Coronazeit erlebt. Wenn dir jemand Gesundheit wünscht und dich anlächelt. Oder dich jemand anruft und fragt: Wie geht‘s? Einer, von dem du es gar nicht erwartet hättest. All die Leute, die die Gottesdienst-Impulse ausdrucken und verteilen. Vielleicht noch mit einem kleinen Gruß drauf. Wie ein Stück Himmel hier auf der Erde. Mitten in schwierigen Zeiten. Auch der Verfasser des Hebräerbriefes hat Leserinnen und Leser im Blick, die in schwierigen Zeiten leben. Nicht wegen Corona. Sondern weil es in seiner Zeit immer gefährlicher wurde, Christ oder Christin zu sein. Und darum diese Aufforderung: „Bleibt fest in der geschwisterlichen Liebe.“ Unterstützt euch. Helft euch gegenseitig. Denkt an die, die im Gefängnis sitzen. Heute könnte man sagen: Seid solidarisch mit denen, die eingesperrt sind in ihrer selbstgewählten Quarantäne und das Gefühl haben: Die Decke fällt mir auf den Kopf. Oder mit den Menschen, die sich auf den Weg zu uns nach Europa machen, weil sie in ihrer Heimat keine Zukunft haben – Preis dafür, dass wir hier im Überfluss leben. Und vielleicht geht uns dabei auf, dass Wohlstand nicht alles ist. Und Reichtum schon gar nicht am Geld hängt. „Gastfrei zu sein vergesst nicht; denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt.“

 

Frisch gebackenes Brot, Foto: Stefan Leonhardt

Gebet

Christus, du bist das Brot des Lebens. Du grenzt niemanden aus. Du lädst uns an deinen Tisch und sprichst dich hinein in unser Leben. Mach uns bereit, das Brot des Lebens zu teilen und weiter reichen. Nicht nur im Gottesdienst, nicht nur beim Abendmahl, sondern im ganz normalen Alltag.

Hilf uns, hinaus zu blicken über unseren Tellerrand und Menschen zu sehen, die hungert und dürstet. Nach einem freundlichen Wort. Nach Anerkennung. Nach jemandem, der zuhört. Nach Trost und Ermutigung. Mach uns bereit, freigebig zu sein mit dem, was wir einzubringen haben, je nach unseren Begabungen und Möglichkeiten. Bewahre uns aber auch davor, aufdringlich zu sein und andere zu vereinnahmen. Hilf uns, das rechte Maß zu finden.

Wir bitten für unsere Gemeinden. Lass sie gastliche Orte sein, offene Häuser am Wegesrand für alle, die in der Unrast und Unruhe des Lebens auf der Suche sind. Wir bitten für unser Land. Dass wir Wohlstand miteinander teilen und uns nicht damit abfinden, dass immer mehr Menschen unterhalb der Armutsgrenze leben. Segne die Arbeit der Tafeln, des Tagestreffs Oase und der Ambulanten Hilfe hier in Northeim und aller Einrichtungen, die sich dafür engagieren, dass Menschen in Würde leben können. Lass unsern Blick aber auch hinausgehen über unser Land, über die Grenzen Europas. Lass uns sensibel sein dafür, dass Leben nur gelingen kann, wenn die Güter dieser Welt gerechter verteilt sind. Amen.

Dr. Stefan Leonhardt