Impuls zum 9. Sonntag nach Trinitatis, 09.08.2020

Nachricht 05. August 2020

Jeremias Berufung

Jeremia war Sohn eines Priesters, er wohnte in Anatot, einem Ort, vier Kilometer nordöstlich von Jerusalem. Jeremia soll als Prophet Gottes zu den Menschen in Israel reden. Er soll ihnen den Zorn Gottes deutlich machen. In unserem Tagestext schildert Jeremia seine Berufung. Sie wird auf 627/ 626 vor Christus datiert, da ist Jeremia etwa 25 Jahre alt.

Jeremia 1: 4-10

Und des HERRN Wort geschah zu mir: Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleibe bereitete, und sonderte dich aus, ehe du von der Mutter geboren wurdest, und bestellte dich zum Propheten für die Völker. Ich aber sprach: Ach, Herr HERR, ich tauge nicht zu predigen; denn ich bin zu jung. Der HERR sprach aber zu mir: Sage nicht: »Ich bin zu jung«, sondern du sollst gehen, wohin ich dich sende, und predigen alles, was ich dir gebiete. Fürchte dich nicht vor ihnen; denn ich bin bei dir und will dich erretten, spricht der HERR. Und der HERR streckte seine Hand aus und rührte meinen Mund an und sprach zu mir: Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund. Siehe, ich setze dich heute über Völker und Königreiche, dass du ausreißen und einreißen, zerstören und verderben sollst und bauen und pflanzen.


Was uns da erzählt wird, ist lange her: Vor mehr als 2500 Jahren war – wie so oft und bis heute – in Israel die politische und religiöse Lage angespannt und schwierig. Israel war kein selbständiger Staat, sondern ein Vasallenkönigreich der mächtigen Assyrer. Im Tempel zu Jerusalem wurde nicht nur der Gott Israels verehrt, sondern es standen auch die Götterstatuen der Besatzungsmacht da. Und die Mächtigen in Israel versuchten sich, ebenso wie die Priester, damit zu arrangieren und ihr eigenes Scherflein ins Trockene zu bringen. Allerdings bröckelte die Macht der Assyrer. Das wollten die Könige Israels zu ihren Gunsten ausnutzen und paktierten mit der Großmacht Ägypten. Die wiederum standen in Konkurrenz zu den Babyloniern im Osten, die inzwischen zur Weltmacht aufgestiegen waren. (Erschreckend wie aktuell diese Beschreibung wird, wenn man die Namen der heutigen Großmächte einsetzt…Amerika, Russland, China). Es war also eine politisch sehr verzwickte Lage, in der die Führer Israels – die politischen ebenso wie die religiösen – keine gute Figur machten. Zu leiden hatte das Volk, das zwischen den Mühlsteinen der Macht zermahlen wurde. In diese politisch und religiös explosive Lage hinein wird Jeremia von Gott berufen: Ich kannte dich! Ich lege meine Worte in deinen Mund! Ich setze dich über Völker und Königreiche!

Starke Worte! Wir können auf zweierlei Weise diese Geschichte hören.

Der Prophet und Priester Jeremia ist ohne Zweifel eine der prägendsten Gestalten in der Bibel. Seine Geschichte zu erzählen und nachzuempfinden hat ihren Wert in sich. Aber es bleibt eine Distanz. Keiner von uns ist in der Rolle den mächtigen gegenüber so aufzutreten. Wir bleiben in der Rolle des Zuschauers. Wir schauen das Feuer der Liebe und Leidenschaft Gottes und was dies mit einem Menschen macht nur an.

Ich möchte heute den zweiten Weg gehen. Das Wort ist vielleicht schon abgegriffen: Priestertum aller Glaubenden. Das soll unser Wegweiser sein. Gott beruft uns. Er meint mich. Mit mir will er sein Reich bauen. Sein Wort will mein Inneres berühren. Drei Schritte ist Gott mit Jeremia gegangen: Ich kenne dich! Ich lege meine Worte in deinen Mund! Ich setze dich über Völker und Königreiche! Gehen wir sie in Gedanken mit:

1. Ich kenne dich!

Am Anfang steht diese bedingungslose Zusage Gottes. Wir brauchen solche Zusagen, um wirklich Mensch zu sein. Jeremia ist wie jeder Mensch ein eigenes Werk des Schöpfers, ein Gebilde Gottes. Martin Luther schreibt später in seiner Erklärung zum ersten Glaubensartikel: »Ich glaube, dass mich Gott geschaffen hat samt allen Kreaturen …« Wir sind sozusagen ein fleischgewordener Gedanke Gottes, hineingestellt in eine Welt, eine Familie, eine Gemeinde und Gesellschaft, die uns braucht, in der wir eine Aufgabe haben von Jugend an bis ins Alter.
Ich kenne dich. Das ist der erste wichtige Klang in unserem Leben. Das sagt nun nicht irgendjemand, sondern der lebendige Gott, der hinter dem ganzen Universum steht und genau dich meint. Gott spannt einen ganz weiten Bogen. Bevor wir überhaupt daran denken konnten, dass wir unser Leben auf ihn ausrichten, hat er schon alles vorbereitet. Ich habe dich ausgesucht. Ich will mit dir meine besondere Geschichte schreiben. Genau das feiern wir bei unserer Taufe.

2. Ich lege meine Worte in deinen Mund!

Jeremia wehrt erschrocken ab. Es ist entlastend, dass zunächst einmal Angst und Abwehr geäußert werden dürfen. Jeremia hat Angst vor dem, was er mitmachen und durchmachen muss. Die Leiden Jeremias sind ja sprichwörtlich geworden. Die Klagelieder sind auch nicht aus dem Nichts entstanden. Auch kennen wir die Einwände: »Ich bin zu jung, zu schüchtern, kann nicht reden, bin müde geworden, bin meiner Sache nicht mehr gewiss.« Gott aber mutet es uns zu und sagt: Du bist nur Bote, mehr wird von dir nicht verlangt. Gott braucht keine Helden, weil er selbst seinem Wort Kraft gibt. Gott selbst redet und sendet. Wir gehen ihm dabei nur zur Hand. Wir sind nur Boten. Aber wie kann das praktisch aussehen?

Gott braucht einen Raum, um mit mir reden zu können. Da kommen wir nun selber mit ins Spiel. Unser Gehör, besonders auch unser inneres Ohr, benötigt eine Offenheit für Gottes Reden. Gebet und Stille sind kein Luxus. Wenn Gott meinen Mund berührt, dann geht es nur über das Hören. Es sind nur diese vier Worte „Ich bin mit dir“, die uns die Ohren öffnen und den Mund berühren. „Ich bin mir dir.“ Diese Zusage macht uns zu Bot*innen Gottes. So stärkt er mein Vertrauen. So werden meine Einwände kleiner. So lasse ich mich in seine Hand fallen. So werde ich frei und unabhängig, am meisten von mir selber unabhängig.

Das heißt auch, wer im Dienst Gottes steht, braucht dazu seine Auszeiten. Wie ist das mit der Viertelstunde am Tag vor aller Arbeit und Aktivität? Wie ist das mit der einen Stunde in der Woche, um neu ausgerüstet zu werden? Wie ist das mit dem Tag im Monat an dem Gott mit mir in Kontakt ist?

Welche Kraft für unsere Gemeinden und Kirchen kann davon ausgehen, wenn wir uns so neu ausrichten lassen. Ich lege meine Worte in deinen Mund. Eine Zusage voller Kraft und Leben. Unabhängigkeit und Freiheit schaffen sich dann Raum, Menschen können aufatmen und froh werden. Das hat Folgen, weit über alles Vorstellbare hinaus. Jeremia wird nicht nur Bote für sein Volk sein, die Botschaft, die er ausrichtet, wirkt in die ganze bewohnte Welt hinaus. 2500 Jahre später hierher, in diesen Augenblick.

3. Ich setze dich über Völker und Königreiche

Dieses Bild reicht über die aktuelle Berufung Jeremias hinaus. Es wird kommen wie es kommen muss. Die Menschen in Israel werden erleben, wie ihr Land zerstört wird. Wie schon im 8. Jahrhundert Israel in die Verbannung geführt wird, wird im 6. Jahrhundert nun der Süden das gleiche Geschick ereilen. Ein Baum wird ausgerissen und kann nicht mehr leben. So ergeht es auch dem Volk Gottes. Siebzig Jahre Gefangenschaft folgen. Erst drei Generationen später kehren die Menschen zurück und beginnen mit dem Wiederaufbau.

Gott aber ist mit im Boot. Durch die Zerstreuung in die ganze bewohnte Welt damals kommt Gottes Wort in alle Lande. Der Gottesdienst in der Synagoge wird in der Zeit ohne Tempel geboren. Gottes Wort gelangt zu allen Völkern. Jeremia selber erlebt nichts mehr davon. Seine Spur verliert sich in Ägypten. Trotzdem kommt Gott zum Ziel. Jesus wird in Bethlehem geboren. Der Feigenbaum blüht wieder. Das ist ein Bild in Israel dafür, dass Gott auf den Trümmern der Zeit Jeremias sein neues Reich pflanzt.

Manche unter uns empfinden auch, wie es damals Jeremia ergangen sein muss. Die Kirche scheint am Ende zu sein. Gebannt wird auf die aktuelle Kirchenmitgliedsstatistik geschaut und auf die Einbrüche bei den Kirchensteuern durch die wirtschaftliche Situation in der Pandemie. Das wird Auswirkungen auf die Stellensituation in den Gemeinden haben. Das Gemeindeleben in Gottesdiensten, Gruppen und Chören ist auf längere Sicht nur unter Auflagen und mit hohen Einschränkungen möglich.

Da hinein sagt uns nun Gott: Beginne dich neu zu verstehen. Du gehörst zu den Berufenen. Mit dir will ich mein Reich bauen, sagt Gott heute zu uns. Ich habe dich erwählt, ich kenne dich, ich berufe dich in diese Welt, damit du meine Liebe bezeugst und meinen Willen klar darlegst. Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Frieden sind keine leeren Worte, sondern die einzige Möglichkeit, dass die Welt nicht zum Teufel geht. Und dich brauche ich dazu!

So beruft Gott Menschen, die neu sehen, hören und reden. So beruft Gott Menschen, die neu denken reden und handeln. Gott braucht sie und mich. Amen

Karin Gehrken-Heise