Impuls zum Pfingstsonntag, 31.05.2020

Veranstaltung 29. Mai 2020
Die Taube ist ein Symbol des Heiligen Geistes

Frohe Pfingsten

Heute ist Pfingsten, das dritte große Fest im Kirchenjahr, genau 50 Tage nach Ostern. In der Bibel wird erzählt: Als die Jüngerinnen und Jünger Jesu zu Pfingsten in Jerusalem versammelt sind, kommt der Heilige Geist auf sie herab. Kein frommes Gespenst, sondern Gottes Atem, Gottes Lebenshauch, der Menschen be-geistert und in Bewegung setzt, der Geistes-blitze wirkt und sich manchmal geist-reich zu Wort meldet. Wir alle haben davon vermutlich schon etwas gespürt und doch bleibt er unfassbar. Wie ein Wind, der weht, wo er will. Wie ein Feuer, das Herzen in Brand setzt. Im Bild wird er meist als Taube dargestellt. Tauben galten schon in der Antike als zärtliche Tiere, waren ein Symbol für Liebe und Frieden. Ich lade Sie ein, dem Heiligen Geist ein wenig nachzuspüren.

 

Zu Pfingsten in Jerusalem ...

Und als der Pfingsttag gekommen war, waren sie alle beieinander an einem Ort. Und es geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Sturm und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen. Und es erschienen ihnen Zungen, zerteilt und wie von Feuer, und setzten sich auf einen jeden von ihnen, und sie wurden alle erfüllt von dem Heiligen Geist und fingen an zu predigen in andern Sprachen, wie der Geist ihnen zu reden eingab.

Es wohnten aber in Jerusalem Juden, die waren gottesfürchtige Männer aus allen Völkern unter dem Himmel. Als nun dieses Brausen geschah, kam die Menge zusammen und wurde verstört, denn ein jeder hörte sie in seiner eigenen Sprache reden. Sie entsetzten sich aber, verwunderten sich und sprachen: Siehe, sind nicht diese alle, die da reden, Galiläer? Wie hören wir sie denn ein jeder in seiner Muttersprache? Parther und Meder und Elamiter und die da wohnen in Mesopotamien, Judäa und Kappadozien, Pontus und der Provinz Asia, Phrygien und Pamphylien, Ägypten und der Gegend von Kyrene in Libyen und Römer, die bei uns wohnen, Juden und Proselyten, Kreter und Araber: Wir hören sie in unsern Sprachen die großen Taten Gottes verkünden. Sie entsetzten sich aber alle und waren ratlos und sprachen einer zu dem andern: Was will das werden? Andere aber hatten ihren Spott und sprachen: Sie sind voll süßen Weins.

Da trat Petrus auf mit den Elf, erhob seine Stimme und redete zu ihnen: Ihr Juden, und alle, die ihr in Jerusalem wohnt, das sei euch kundgetan, vernehmt meine Worte! Denn diese sind nicht betrunken, wie ihr meint, ist es doch erst die dritte Stunde des Tages; sondern das ist's, was durch den Propheten Joel gesagt worden ist: „Und es soll geschehen in den letzten Tagen, spricht Gott, da will ich ausgießen von meinem Geist auf alles Fleisch; und eure Söhne und eure Töchter sollen weissagen, und eure Jünglinge sollen Gesichte sehen, und eure Alten sollen Träume haben; und auf meine Knechte und auf meine Mägde will ich in jenen Tagen von meinem Geist ausgießen, und sie sollen weissagen.“

(Apostelgeschichte 2,1-18)

 

Eine neue Würze

Wissen Sie, was ein „Suppenspucker“ ist? So nennt man im Alpenraum scherzhaft eine holzgeschnitzte Heilig-Geist-Taube. Zu Pfingsten werden sie in Kirchen, aber auch in Wohnzimmern von der Decke herab aufgehängt. Wenn man beim Essen unter ihnen sitzt, hat es tatsächlich den Anschein, sie könnten einem jeden Moment von oben in die Suppe spucken. Bei uns im Norden befinden sich solche Tauben oft an Kanzeldeckeln - früher auch in St. Sixti. Von dort spucken sie dem Pastor oder der Pastorin allerdings nicht in die Suppe, sondern eher auf die ausgedruckte Predigt.

Der Heilige Geist ein „Suppenspucker“?! Das klingt befremdlich. Einer, der anderen in die Suppe spuckt, das ist im übertragenen Sinne ein Miesmacher, einer der alles schlecht redet und negativ bewertet, bloß um Stimmung zu machen. Da schlägt jemand etwas vor und sogleich fällt ein anderer über ihn her. Weil er ein anderes Parteibuch hat. Oder weil er zeigen will: Ich weiß es besser. Da haben wir es in Deutschland geschafft, die Infektionszahlen niedrig zu halten und plötzlich heißt es pauschal, die Corona-Maßnahmen seien völlig übertrieben gewesen und unsere Regierenden hätten von Tuten und Blasen sowieso keine Ahnung. Jemandem in die Suppe spucken. Das ist nicht gerade konstruktiv. Das ist sogar hochgefährlich. Weil es lähmt und spaltet.

Ganz anders die Pfingstgeschichte: Sie erzählt von Aufbruch und Begeisterung. Als frischer Wind setzt der Heilige Geist die immer noch verstörten Anhänger Jesu in Bewegung. Plötzlich sind sie Feuer und Flamme, fangen an, von ihrem Glauben zu erzählen. Petrus hält eine mitreißende Predigt und am Ende lassen sich 3000 Menschen taufen. Pfingsten gilt deshalb als der Geburtstag der Kirche.

Und doch: Wo der Heilige Geist Neues in Bewegung setzt, da gibt es auch Irritation und Widerspruch. „Was will das werden?“, fragen viele schockiert, als sie die Anhänger Jesu erleben. Und als später manche von diesen auch Menschen nichtjüdischer Herkunft taufen, weil sie merken: Das ist im Sinne Jesu, führt das zu heftigen Kontroversen in der Kirche. Vor diesem Hintergrund gefällt mir das Bild vom Heiligen Geist als Suppenspucker. Er spuckt uns in den Einheitsbrei unserer festgefügten Denkmuster und Gewohnheiten. Um unsere Geschmacksnerven zu sensibilisieren, um eine neue Würze ins Spiel zu bringen. Vor 800 Jahren versuchte Franz von Assisi, ein schlichtes Leben entsprechend dem Vorbild Jesu zu führen und löste damit einen wahren Wirbelsturm in der Kirche aus. Sein Namensvetter, Papst Franziskus, griff das auf und forderte dringend notwendige Reformprozesse. Oder Martin Luther, dem die ganze Fragwürdigkeit des Buß- und Ablasswesens seiner Zeit aufging und dann seine 95 Thesen veröffentlichte.

Der Heilige Geist – ein Suppenspucker?!

Ob der Heilige Geist auch uns in die Suppe spuckt? Vielleicht gerade jetzt zu Coronazeiten? Viele stehen vor existentiellen Schwierigkeiten. Und der Lockdown zehrt an unseren Nerven. Aber wir entdecken auch Dimensionen wieder, die wir aus dem Blick verloren hatten. Solidarität, Miteinander, Rücksichtnahme. Die Einsicht, dass chronisch unterbezahlte Berufsgruppen wichtige Funktionen in unserer Gesellschaft haben und dauerhaft mehr Wertschätzung benötigen. Die Erkenntnis, dass das Leben nicht daran hängt, dass wir ständig die Superlative toppen, sondern uns auch mal wieder an einfachen Dingen erfreuen.

Genau das macht das Wirken des Heiligen Geistes aus: Er will Zerbrochenes heilen, aus dem Lot Geratenes aufrichten, Festgefahrenes lebendig machen. „Wärme du, was kalt und hart, löse, was in sich erstarrt, lenke, was den Weg verfehlt“, heißt es in einem alten Pfingstlied. Aber – und das wird leider oft übersehen, auch in der Kirche: Wo der Heilige Geist uns in die Suppe spuckt, da spaltet er nicht, grenzt nicht aus, lässt nicht andere als Sündenböcke dastehen. Sondern im Gegenteil: Der Heilige Geist, so erzählt es die Pfingstgeschichte, verbindet, macht es möglich, dass Menschen sich verstehen, auch wenn sie unterschiedliche Sprachen sprechen, auch wenn sie anders ticken und die Dinge aus verschiedenen Blickwinkeln sehen. Vielleicht so wie es die Menschen erlebt haben, die in Italien und anderswo von den Balkonen einander zu gesungen und sich ermutigt haben. Bei aller Distanz ganz eng miteinander verbunden.

Diesen Geist, den wünsche ich mir. Gerade jetzt in dieser Zeit. Möge er uns immer wieder in Bewegung setzen und kräftig in die Suppe spucken.

Dr. Stefan Leonhardt