Eine Oase zum Auftanken

Nachricht 15. Mai 2022

Welches Bild entsteht vor eurem inneren Auge, wenn ihr das Wort „Oase“ hört?

Ich bin sofort in einer Szenerie aus „1001 Nacht“. Palmen, glitzerndes Wasser, kühlender Schatten, Menschen auf der Durchreise, die Rast machen, sich ausruhen, ihre Wasservorräte auffüllen. Etwas nüchterner heißt es im Duden: Eine Oase ist eine „Stelle mit einer Quelle, mit Wasser und üppiger Vegetation inmitten einer Wüste“. Andere Worte dafür sind: „fruchtbare Stelle, Wasserplatz, Wasserstelle, Wüsteninsel.“

Gnade und Frieden von Gott, unserem Vater, und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.

 

Liebe Gemeinde,

welches Bild entsteht vor eurem inneren Auge, wenn ihr das Wort „Oase“ hört?

Ich bin sofort in einer Szenerie aus „1001 Nacht“. Palmen, glitzerndes Wasser, kühlender Schatten, Menschen auf der Durchreise, die Rast machen, sich ausruhen, ihre Wasservorräte auffüllen. Etwas nüchterner heißt es im Duden: Eine Oase ist eine „Stelle mit einer Quelle, mit Wasser und üppiger Vegetation inmitten einer Wüste“. Andere Worte dafür sind: „fruchtbare Stelle, Wasserplatz, Wasserstelle, Wüsteninsel.“

„Oasen“ gibt es übertragenen Sinn viele: Oasen des Friedens, Oasen der Freiheit, Oasen des Glücks oder des Alltags… Allesamt sind es Ruheplätze und besonders geschützte Bereiche. Es können damit besondere Orte, aber auch besondere Zeiten gemeint sein, in denen wir aufatmen und unsere leeren Akkus mit was auch immer wieder auffüllen können.

Charakteristisch an diesen Orten und Zeiten ist, dass sie in der Regel nur für kurze Zeit aufgesucht werden, weil man schließlich einen Weg zurückzulegen hat. Ähnliche Funktion haben die Raststätten und -plätze an unseren Autobahnen. Rechts rausfahren, Pinkelpause, die Kinder eben über den Spielplatz jagen, ein paar Schritte gehen, was essen, und vielleicht noch ein bisschen Süßkram für die weitere Reise eingekauft. Weiter geht’s!

Mitten in Northeim gibt es in der Hagenstraße auch eine „Oase“, den „Tagestreff Oase“, wo auch Frau Wernicke und Frau Bogedain arbeiten. Dort kommen ebenfalls Menschen zusammen, um zu rasten und für einen Moment Pause auf ihren sonst schwierigen Lebenswegen zu machen. Schwierig deshalb, weil diese Menschen durch eine Lebenskrise – Job verloren, sich von seinem Partner/ seiner Partnerin getrennt, finanziell verschuldet, erkrankt – in eine Notsituation geraten sind. Und solche „Lebensunfälle“, wenn sie heftiger oder auf Dauer gestellt sind, bringen nicht selten Kreisläufe von Armut und gesellschaftlicher Isolierung mit sich, denn am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen kostet – das wissen wir alle – Geld, und das nicht zu knapp.

In der „Oase“ Hagenstraße können diese Menschen auch mal „rechts ausscheren“ und finden dort eine Kleiderkammer, die Möglichkeit, für „kleines“ Geld zu essen und zu trinken sowie verschiedene Beratungsangebote. Aber vor allem finden sie Menschen, die in gleicher oder ähnlicher Situation sind wie sie selbst. Und das ist wichtig, um der eigenen Isolation und dem Gefühl von Einsamkeit etwas entgegenzusetzen. Und vielleicht auch um ein Stück Selbstwertgefühlt wieder zurückzugewinnen.

Wie die konkrete Arbeit in dieser „Oase“ aussieht, können wir uns am besten vorstellen, wenn wir jene fragen, die dort arbeiten, und jene, die die Einrichtung dort für sich als Anlaufstelle nutzen. Hört mal, was sie zu sagen haben:

Gemeinsam. Stärker. Bunter.

Als ich das erste Mal alle ehrenamtlichen Mitarbeiter*innen des Tagestreffs kennengelernt habe, war das bei einer der monatlichen Besprechungen im Garten einer Ehrenamtlichen, die ihren Geburtstag zum Anlass genommen hatte, alle einzuladen. Ich war sehr nervös, aber ich wurde herzlich aufgenommen. Die Ehrenamtlichen des Tagestreffs sind etwas ganz Besonderes ohne deren Unterstützung so manche Aktion oder Veranstaltung nicht umzusetzen wäre. Sie stärken uns den Rücken für unsere Arbeit.

Soziale Verantwortung leben

Frau K. ist heute 82 Jahre alt und lebt jetzt im Pflegeheim. Sie besuchte viele Jahre den Tagestreff bis sie 2018 schwer erkrankte und ihre Wohnung nicht mehr verlassen konnte. Nachdem ihr Sohn, der mit ihr zusammenlebte, verstarb, übernahm ein Besucher die Versorgung von Frau K. mit Mittagessen aus der Oase, brachte ihre Wäsche zum Waschen. Auch wir machten regelmäßig Hausbesuche und telefonierten mehrfach die Woche mit ihr, um einer Vereinsamung entgegenzuwirken.

Teilhabe statt Ausgrenzung

Um Besucher*innen die gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen, hat der Tagestreff 2021 Geld vom NDR „Hand in Hand für Norddeutschland“ beantragt und bekommen. Mit mehreren Besucher*innen machten wir uns mit dem Zug auf nach Göttingen zum Deutschen Theater. Auf dem Fußweg vom Bahnhof zum Theater erzählte Frau T., dass sie in ihren mehr als 60 Jahren noch nie im Theater war. Wir schaffen wertvolle Erinnerung, Höhepunkte im oftmals eintönigen Alltag.

Aktion statt Resignation

Herr W. läuft 11 km zu Fuß von seiner Wohnung bis zum Tagestreff, um an Aktionen teilzunehmen, eine persönliche Beratung zu bekommen oder Mittag zu essen, weil er kein Geld für eine Fahrkarte hat. Auch als es einmal um einen Gefallen für die Oase ging, kam er gelaufen. Zurück ging es dann aus Spendenmitteln der „Oase“ und mit neuen Schuhen aus der Kleiderkammer per Bus. Resignation kommt für ihn nicht in Frage.

Mitgefühl statt Mitleid

Herr W. ist Anfang 50 und hat einen großen Teil seines Lebens in einer Justizvollzugsanstalt verbracht. Er ist an seinen Taten nicht unschuldig, somit ist Mitleid an dieser Stelle nicht angebracht, aber Mitgefühl für seine Situation in der JVA. Das System JVA sieht nicht den Menschen hinter seinen Taten, eine reelle Chance auf einen Neuanfang gibt es für ihn nicht.

Wir telefonieren mehrfach die Woche mit Herrn W. und besuchen ihn regelmäßig. Für einen Besuch muss man telefonisch einen Termin mit dem Beamten des Besuchsdienstes vereinbaren. Bei einem dieser Anrufe fragte der Beamte: „Wollen sie den wirklich besuchen?“

Armut ist kein Verbrechen

Melanie, die wir für die Ausstellung interviewt haben, hat alles versucht. Nach dem Besuch der Förderschule, hat sie eine Ausbildung zur Beiköchin in einem renommierten Haus in Göttingen mit Erfolg absolviert. Die Vorurteile ihr gegenüber sind groß, man traut ihr auf Grund ihres Äußeren die Arbeit nicht zu. Unverschuldet ist sie in die Situation gekommen, Hartz IV beantragen zu müssen. Melanies Lebensmotto: „Kopf hoch, auch wenn der Weg mal steinig ist, nicht unterkriegen lassen und weiterkämpfen.“

Die Szenen sprechen für sich und machen deutlich, dass die „Oase“ in der Hagenstraße für viele Menschen eine ähnliche Bedeutung hat, wie die Oasen damals für die Wüstenwanderer aus „1001 Nacht“. Doch während letztere aus natürlichem Grund da sind, gibt es diakonische Einrichtungen wie den „Tagestreff Oase“, weil es einen Auftrag gibt, Jesu Auftrag an die Menschen, die sich seiner Botschaft verschrieben haben, Barmherzigkeit ein Gesicht und einen Ort zu geben.

Ich muss dabei an ein sehr altes Gebet denken, das folgendermaßen geht:

Christus hat keine Hände, nur unsere Hände, um seine Arbeit heute zu tun. Er hat keine Füße, nur unsere Füße, um Menschen auf seinen Weg zu führen. Christus hat keine Lippen, nur unsere Lippen, um Menschen von ihm zu erzählen. Er hat keine Hilfe, nur unsere Hilfe, um Menschen an seine Seite zu bringen.

Ich war hungrig, und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich war durstig, und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich war ein Fremder, und ihr habt mich als Gast aufgenommen. Ich war nackt, und ihr habt mir Kleider gegeben. Ich war krank, und ihr habt euch um mich gekümmert. Ich war im Gefängnis, und ihr habt mich besucht. […] Was ihr für einen meiner Brüder oder eine meiner Schwestern getan habt – und wenn sie noch so unbedeutend sind –, das habt ihr für mich getan.

Ich denke, die derzeitige Entwicklung unserer Wirtschaft und Gesellschaft wird solche „Oasen“ immer dringlicher machen, wie auch den Auftrag Jesu an uns. Für jede und jeden von uns ist es ungemein wichtig, dass wir empfindsam bleiben und mitfühlend angesichts der Not, die Menschen um uns herum gefangen genommen hat. Und es wird wieder wichtiger, dass wir uns mit unseren Händen, Füßen und Lippen Christus zur Verfügung stellen und da sind, wo Menschen uns brauchen. Eine solidarische Gemeinschaft. So können wir auch selbst von Zeit zu Zeit zu einer „Oase“ werden und Not lindern, indem wir uns mit unserer Menschlichkeit zur Verfügung stellen. Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.

Dr. Jens Gillner