Maria Magdalena

Predigt am Ostersonntag 2019 in Langenholtensen über Johannes 20, 11-18

Liebe Gemeinde,

Maria stand vor dem Grab und weinte. So beginnt diese Ostergeschichte. Sie weint um Jesus, den sie verloren hat.

In dieser Woche haben viele Menschen geweint, als in Paris Notre Dame brannte. Auf den Straßen von Paris, vor den Bildschirmen. Sie fühlten: Da wird etwas zerstört, was grundlegend wichtig ist.

Da brannte nicht irgendeine Kirche, sondern die berühmteste Kirche Frankreichs, zudem eine der herausragenden Kirchen in Europa. Und das alles in der Karwoche. Ein Gebäude, mit dem sich nicht nur gläubige Franzosen, sondern auch viele Zweifler und Atheisten der „grande nation“ irgendwie dann doch identifizieren. Betroffen ist jenes Land, in dem die Aufklärung ihren Weg nahm und das mit seiner Revolution 1789 ganz Europa veränderte. Paris spielt seit jeher eine bedeutsame Rolle in und für Europa.

Die Kathedrale Notre-Dame steht zeichenhaft für die alte Kirche in Europa. Es traf die erste gotische Kirche überhaupt auf europäischem Boden. In Frankreich wurde die Gotik erfunden und von dort breitete sie sich weltweit aus. Mit der Gotik begann eine neue Phase des Mittelalters, die bis in unsere Gegenwart hinein reicht. Bei der Gestalt der Kathedrale geht es um den „Grundriss des Abendlandes“ (DIE WELT, 17.4.2019). Und der steht in Gefahr. Uralte Werte stehen in Gefahr. Werte, die in unserer Zeit vernachlässigt oder bewusst abgeschafft werden. Das scheinen sie zu spüren, die weinenden Menschen am Straßenrand und vor den Bildschirmen. Profis versuchen zu löschen und zu retten. Im Herzen getroffene Menschen halten mit Tränen in den Augen aus und singen Lieder, wollen nicht weichen von dem brennenden Gebäude, fast so, als müssten sie der alten Dame beistehen, damit sie diese Krise überlebt.

Auch die Regisseurin Margarete von Trotta gehört zu denen, die geweint haben. Eine Frau der Bilder, eine Expertin zudem für Paris, wo sie lebt. Sie sagt in einem Interview im Deutschlandfunk:

Für mich war immer Notre-Dame das wichtigste Gebäude überhaupt in Paris und vor allen Dingen auch das älteste. Es war ja noch auf römischen Ruinen und dann wurde es zu dieser gotischen wunderbaren Kathedrale. Das hat eine unglaubliche Tiefe. Ich bin nicht so schrecklich christlich. Aber wenn man da saß, hat man einfach diese ganze Dimension nach oben – nach unten in die Hölle, aber eine Hölle war es ja nicht, sondern für mich war es immer auch die Tiefe des Menschen –, und nach oben natürlich, wie das ja bei allen Kathedralen ist, dieses Streben nach Licht und in den Himmel. Man war da sowohl geerdet als auch mit einem bestimmten Mysterium verbunden. - Das Schlimmste bei dem Brand war in dem Moment, wo die Kirchturmspitze abbrach, die ja eine wunderbar architektonische Meisterleistung war. Die Spitze, sie knickte erst ein und dann brach sie auch noch ab und flog davon. Im Französischen heißt diese Spitze Flash und Flash ist gleichzeitig der Pfeil, und die flog wirklich weg wie ein Pfeil in Richtung Seine. Aber auf jeden Fall war das, als ob da ein Gott einen Pfeil abgeschickt hätte.

Gehen wir wieder zu Maria ans Grab. Maria weint, Jesus ist tot. Auch da hat Gott sozusagen seinen Pfeil abgeschickt und alles war aus. Sie hatte gedacht, dass Jesus Gottes Sohn war. Dass mit ihm alles anders und besser würde. Und nun war er tot, die Verbindung nach oben gekappt.

Maria war Jesus schon ziemlich zu Beginn seines Wirkens begegnet. Er hatte sie geheilt. Auf einmal rückte Gott in das Zentrum ihres Lebens. Sie konnte loslassen, was ihr Leben zerstörte. Aus einer kaputten Frau wurde eine mutige Freundin von Jesus. Sie gehörte neben den 12 Jüngern zu seinen engsten Freunden. Sie bleibt auch bei ihm, als er am Kreuz stirbt.

Und nun ist Jesus tot. Was soll jetzt aus ihr werden? Ein großes Loch klafft in ihrem Leben. Was bleibt Maria noch, als sein Grab zu pflegen?

Viele Angehörige von Toten zieht es immer wieder zum Grab. Da fühlen sie sich dem Verstorbenen nahe und verbunden. Auch Maria scheint es so gegangen zu sein. Und so kommt sie am Ostermorgen als Erste zum Grab von Jesus und stellt entsetzt fest: Das Grab ist leer. Für sie ließ das nur eine Deutung zu: Nun haben die Feinde Jesu auch noch seine Leiche geklaut. Noch nicht einmal den Toten können sie in Ruhe lassen, ihm die letzte Ehre erweisen. Das gibt ihr den Rest.

Maria aber stand vor dem Grab und weinte: "Sie haben meinen Herrn weggenommen, und ich weiß nicht, wo sie ihn hingelegt haben." Und heute? Jesus ist vielerorts abhanden gekommen, sie haben Jesus weggenommen, aus dem öffentlichen Leben, möglichst keine Kreuze mehr, ja selbst oft aus den Kirchen ist Jesus verschwunden, es geht nur noch um Gott, aber um Christus? Fehlanzeige. Und aus den Familien - wo in Familien wird noch über Jesus geredet, geschweige denn mit ihm geredet? Jesus wurde aus unserer Welt mehr und mehr entfernt und unser Leben wird zum leeren Grab. Die brennende Kirche Notre Dame in Paris ist auch ein Symbol für diese innere Leere.

Marias Leben ist leer. Sie hatte voll auf Jesus gesetzt, hatte auf ihn gebaut.

Auf wen baust du? Und wie sieht es aus mit deinem Glauben, mit deiner Beziehung zu Jesus? Hat dich das schon mal im Innersten erschüttert? Die weinenden Menschen in Paris und Maria vor dem Grab, sie verbindet eins: Sie spüren: Ohne Glauben ist da nur diese Leere. Und das geht ihnen ans Herz.

Ganz früh am Morgen ist Maria zum Grab gekommen. Entsetzt stellt sie fest: Das Grab ist offen. Sie sehen es auf dem Bild. Sie hat ihre Hand auf dem Grabstein, aber der Stein ist nicht an seinem Platz. Und Jesus ist nicht in seinem Grab, wo er hingehört. Auch das noch! Alles läuft schief. Erst bringen sie Jesus um, und dann klauen sie auch noch seine Leiche. Maria ist fassungslos.

Als Maria sich umwendet, sieht sie einen Mann. Es ist Jesus, aber sie erkennt ihn nicht. Sie denkt, es ist der Friedhofsgärtner. Sie fragt ihn: Wo haben sie meinen Herrn hingebracht? - Im Weinen ist Maria Jesus näher, als sie ahnt. Er steht schon neben ihr, aber ihr Blick ist von Tränen verschleiert. In Kummer und Verzweiflung wenden Menschen sich oft an die falschen Instanzen: Der Gärtner, was soll der schon sagen angesichts ihrer Sinnkrise! Aber auch Friseure und Physiotherapeuten können ein Lied davon singen, wie viel Kummer bei ihnen landet.

Noch mal zur Kirche Notre Dame in Paris. Bei allem, was zerstört wurde durch den Brand, wurden doch wesentliche Dinge gerettet. Die Dornenkrone von Jesus. Und das goldene Altarkreuz. Es leuchtet inmitten von Schutt und Asche. Und das sehen viele Menschen nicht als Zufall an. Auch Margarete von Trotta nicht. Sie sagt:

Es ist aber gleichzeitig dieses Kreuz erhalten. Das war ja das einzige, wenn man reinkam in die Dunkelheit, was gestrahlt hat, dieses Kreuz, und dass das erhalten geblieben ist und – ich meine, da kann man jetzt drüber denken wie man will – die Dornenkrone Christi, dass die auch gerettet werden konnte, ich glaube, das ist jetzt in dem ganzen Unglück für viele dann doch ein Zeichen, dass da noch eine andere Macht besteht.

Trotz herabstürzender Trümmer ist dieses Kreuz stehen geblieben. Auf dem Foto ist es zu sehen, wie es zwischen verkohlten Balken und Rauschwaden leuchtet. Das Evangelium von Jesus ist nicht totzukriegen! Selbst in Zerstörung und Tod nicht.

Das erlebt auch Maria. Der Tod kann Jesus nichts anhaben. Er lebt. Jesus sagt nur ein Wort zu ihr: Maria. Da erkennt sie ihn.

Ich war vor einiger Zeit beim 40jährigen Abiturstreffen. Da waren einige, die erkannte ich nicht. Sie hatten weniger Haare und dickere Bäuche, waren grau und trugen eine Brille. Lange rätselte ich bei manchen herum. Eine sagte: Lui, erkennst du mich denn nicht? Da fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Lore. Wir hatten lange nebeneinander gesessen. Ich hatte immer in Mathe bei ihr abgeschrieben und sie bei mir in Latein. Das äußere Erscheinungsbild ist verändert, aber als sie meinen Namen sagt, als sie Lui sagt, ist alles wieder da.

Das äußere Erscheinungsbild von Jesus ist verändert. Er hat nämlich einen neuen Leib, einen Auferstehungsleib. Deshalb erkennt sie ihn nicht auf den ersten Blick. Aber in dem Moment, als er ihren Namen sagt. Da ist alles klar.

Deinen Namen kennt Jesus übrigens auch. Bei deiner Taufe wurde er vor Jesus genannt. Seitdem bist du bei ihm bekannt. Andreas, Heiko, Susanne, Inge.

Jesus sagt: Maria. Da erkennt sie ihn. Der Maler hat das eindrücklich dargestellt: Marias Gesicht ist ganz hell, und sie guckt total erschrocken. Die Hand, den Arm hält sie so, als wollte sie gleich ihre Augen bedecken vor dem hellen Licht. Als wolle sie ihren Kopf schützen, weil der es nicht fassen kann: Das ist tatsächlich Jesus. Er ist nicht tot, er ist auferstanden. Das geht nicht in meinen Kopf, und doch ist es wahr. Rabbuni, sagt sie zu ihm. Das ist hebräisch und heißt so viel wie mein Lehrer, mein Seelsorger, mein Freund.

Das Gespräch besteht nur aus diesen 2 Worten: Maria – Rabbuni.

Und mehr ist nicht nötig, wenn du zu Jesus gehören willst. Er hat dich bei deinem Namen gerufen, bei deiner Taufe. Und er wartet darauf, dass du wie Maria zu ihm sagst: Jesus, Rabbuni, sei mein Lehrer, mein Freund.

Und dann wartet am Ende deines Lebens nicht das Grab, sondern ein neues Leben bei Gott. Ich lebe, und ihr sollt auch leben, sagt Jesus zu denen, die glauben. Streben nach Licht und in den Himmel, wie Margarete von Trotta sagt – diese Sehnsucht, die man in den alten Kathedralen spürt – durch Jesus wird sie erfüllt.

Sehen Sie auf dem Bild hinten die Friedhofsmauer? In der Mitte hat sie einen Riss, da scheint die rote Sonne durch. Und dann sind da vorne auf dem Bild 2 Grabsteine, durch die ein Riss geht. Da stehen hebräische Zeichen drauf, die bedeuten: Adam. Die Menschen sind dem Tod verfallen, seit Adam und Eva. Doch nun sind die Grabsteine zerborsten, die Friedhofsmauer auseinander gebrochen, der Tod hat keine Macht mehr.

Das Morgenrot bricht auf dem Bild mit aller Macht an. Die Nacht des Todes hat ein Ende. Marias Kleid hat das gleiche Rot. Sie kann es noch nicht begreifen, aber sie ist schon mit hineingenommen in das neue Leben. Im düsteren Friedhofsgrau ein buntes Kleid des Morgenrots. In Rauch und Trümmern ein goldenes Kreuz, das leuchtet. Neues Leben bei Gott. Auch für dich, wenn du an Jesus glaubst. Amen

Luitgardis Parasie