Joseph, ein echt cooler Träumer

Predigt über 1. Mose 37-50 bei der Sommerkirche 2019 zum Thema: Heimat ist, wo ich gebraucht werde

 

Liebe Gemeinde,

Von den eigenen Brüdern als Sklave nach Ägypten verkauft. Weit weg von der Heimat. Ja, Väter, Mütter, Brüder und Schwestern können schlimm sein. Zwischen Joseph und seinen 11 Brüdern herrschte blanker Hass. Und die Ursache dafür lag im Vater. Der nämlich bevorzugte Joseph vor allen anderen. 12 Söhne hat Vater Jakob von vier verschiedenen Frauen. Die beiden jüngsten Söhne, Joseph und Benjamin, sind von seiner Lieblingsfrau. Und diese beiden zieht er vor, vor allem Joseph. Joseph wird total verwöhnt und bekommt als einziger teure Klamotten. Andererseits bekommt er viel zu früh viel zu viel Verantwortung übertragen: Er, der Zweitjüngste von allen 12, kontrolliert seine älteren Brüder und berichtet dem Vater, wenn sie Mist bauen. Das ist tragisch, denn Joseph hat dadurch nicht die Möglichkeit Kind zu sein, sich mit seinen Brüdern zu kloppen und zu versöhnen und Streiche auszuhecken. Er wird stattdessen der Vertraute des Vaters und muss Erwachsenenaufgaben übernehmen, als das von seiner Entwicklung her noch gar nicht dran ist. Statt zu spielen muss er Vaters Sorgen teilen. Deshalb entwickelt er kein Gefühl dafür, wie Gleichaltrige so untereinander ticken.

Der Hass der Brüder wurzelt also darin, wie der Vater handelt. Es heißt in 1. Mose 37, 4: "Als nun seine Brüder sahen, dass ihn ihr Vater lieber hatte als alle seine Brüder, wurden sie ihm feind." Und dann hat Joseph auch noch so dreiste Träume: Zuerst träumt er, dass er und seine Brüder Garben auf dem Feld binden, und seine Garbe richtet sich auf, die Garben der Brüder aber stellen sich im Kreis um ihn herum und verneigen sich vor seiner Garbe. Und als zweites träumt er, dass Sonne, Mond und 11 Sterne sich vor ihm verneigen. – Und völlig unbedarft erzählt Joseph diese Träume auch noch seinem Vater und seinen Brüdern. Was hat er sich dabei gedacht? Damit zementiert er ja geradezu seine Sonderrolle. Die Brüder hassen ihn nun mehr als je. Sie lechzen geradezu danach, es dem Kleinen zu zeigen.

Zwischenfrage: Was ist aus dem Segen geworden, den Gott dieser Familie zugesprochen hatte, schon Stammvater Abraham hatte er gesagt: „Ich will dich segnen, und du sollst ein Segen sein. Und durch dich sollen alle Geschlechter auf Erden gesegnet werden.“ Das war das Vermächtnis der Vorfahren an Jakob und seine Söhne. Und nun? Nix davon zu merken, oder? - Was ist aus dem Segen geworden, den Gott dir zugesprochen hat, den du zB bei deiner Taufe bekommen hast? Wir haben heute zwei Kinder getauft, was wird aus dem Segen werden, den wir ihnen und ihren Eltern zugesprochen haben? Segen, das bedeutet, dass ein Glanz auf deinem Leben liegt, dass auch andere spüren: Du lebst mit Gott, in Gottes Nähe. Du hast inneren Frieden und strahlst das auch aus. - An Jakob und seinen Söhnen sehen wir jedoch, dass Menschen den Segen Gottes sehr verdunkeln können. Und vielleicht bist du auch in so einer Situation, wo du denkst: Segen? Alles ist kaputt, Streit in der Familie, Kummer mit den Kindern, verquere Beziehungskisten - Gott? Ja, Menschen können sich so verhalten, dass der Segen Gottes zugeschüttet wird. Über Josephs Familie werden Schuld und Versagen unglaublich viel Leid bringen. Aber selbst in dieser verfahrenen Geschichte hält Gott verborgen die Fäden in der Hand. Selbst durch Chaos und Schuld verfolgt Gott seinen Plan.

Gott ist nämlich anders als Vater Jakob. Er hat kein Lieblingskind. Oder doch, er hat ein Lieblingskind, und das bist du. Er hat dich so lieb, dass er seinen Sohn Jesus auf die Erde schickte. Der hat den verschütteten Weg zum Segen wieder freigemacht.

Das Drama um Joseph und seine Brüder nimmt erst mal seinen Lauf. Die Brüder ziehen mit dem Vieh los auf der Suche nach guten Weideplätzen, Joseph bleibt zu Hause bei Papa. Erst einige Zeit später kommt Vater Jakob auf die unglückselige Idee Joseph den Brüdern hinterher zu schicken. Er soll gucken, was sie treiben, und dem Vater über sie berichten.

Schon von weitem sehen die Brüder ihn kommen, kein Wunder, er ist ja gut erkennbar an seinen exklusiven Klamotten.

Wenn einer nicht freiwillig auf den Teppich kommt, dann muss er eben mit Gewalt dahin gebracht werden, sagen sich die Brüder. Das Maß ist voll, wir werden dir das Handwerk legen, Bürschchen. Dir wird das Träumen schon vergehen.

An diesem Punkt der Geschichte passiert etwas Erschreckendes. Bisher schien es so, als ob der Vater und Joseph die Hauptschuld an dem familiären Desaster tragen. Unsere Sympathie gehörte eher den Brüdern, die ohne Grund benachteiligt werden. Dass sie sauer und verletzt sind, kann man verstehen. Doch nun kippt das Ganze. Ausgerechnet in ihrer scheinbaren Unschuld liegt der Nährboden dafür, dass sie nun um so mehr schuldig werden. Ihnen ist Böses widerfahren, und sie vergelten das mit noch Böserem. Das ist ja oft so: Wer glaubt im Recht zu sein, fühlt sich um so mehr be-recht-igt, es nun dem anderen zu zeigen, das erlittene Unrecht zurückzugeben, sich zu rächen. Wo Menschen ein reines Gewissen zu haben meinen, da setzen sie sich besonders heftig zur Wehr und werden gerade darin schuldig.

Dass die Wut entsteht, konnten die Brüder nicht verhindern, und du und ich auch nicht. Aber wie du mit ihr umgehst, dafür bist du verantwortlich. Wo du dein Recht dem anderen böse zu sein wachhältst und pflegst, da begießt du eine Saat, die Früchte des Unrechts hervorbringen wird. "Des Menschen Wut tut nicht, was vor Gott richtig ist", heißt es in der Bibel. Jesus empfiehlt einen anderen Umgang mit der Wut: "Liebet eure Feinde, segnet, die euch fluchen, tut wohl denen, die euch beleidigen und verfolgen, auf dass ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel." Das ist das Rezept von Jesus, um auszusteigen aus dem Teufelskreis von Neid und Hass.

Und was uns angeht, wir leben ja davon, dass Gott als Erster ausgestiegen ist aus diesem zerstörerischen Spiel. Wollte Gott seine Wut uns gegenüber konservieren, wären wir für Zeit und Ewigkeit verloren. Wollte er mit uns umgehen, wie wir oft miteinander umgehen, wir wären mehr verraten und verkauft als Joseph von seinen Brüdern. Gott hätte Grund genug uns sehr böse zu sein und uns das auch zu zeigen. Aber an unserer Stelle hat ein anderer dafür gebüßt, sein Sohn Jesus Christus. Und seitdem gilt für alle, die es für sich in Anspruch nehmen: Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten.

Bei Joseph und seinen Brüdern wird es allerdings noch eine Weile dauern, bis der Segen Gottes wieder seinen Weg in ihr Leben finden kann. Joseph Lebenslauf ist erst mal eine ziemliche Berg- und Talfahrt: Im fremden Land, fern der Heimat, kommt er schnell erstaunlich gut zurecht. Er lernt die Sprache und arbeitet sich hoch zum Verwalter beim ägyptischen Finanzminister. Sein Chef vertraut ihm vollkommen. Alles könnte nun gut sein, wäre da nicht die Frau des Finanzministers. Sie baggert Joseph an, Joseph aber will keinen Ehebruch begehen, darauf behauptet sie, Joseph hätte sie vergewaltigt. Es wurde gar nicht nachgefragt, schließlich war es nur ein ausländischer Sklave, ein mieser Emporkömmling, wie man nun zu erkennen glaubte. Schwupps landet Joseph im Gefängnis. Unbegreiflich, könnte man sagen, aber wir, im Nachhinein, wissen es besser: Auch das gehörte zu Gottes Plan, auch wenn Joseph den damals bestimmt nicht verstanden hat. Ich mach’s kurz, irgendwann steht Joseph vor dem Pharao, deutet mit Gottes Hilfe dessen Träume von 7 fetten und 7 mageren Kühen, und die mageren fressen die fetten auf und werden nicht dicker. Das bedeutet: Es wird 7 reiche Jahre in Ägypten geben und 7 Jahre Hungersnot. Josephs Vorschläge, wie diese Wirtschaftskrise zu bewältigen sei, sind so klug, dass der Pharao ihn sofort zum Minister ernennt. – Aus der Heimat vertrieben, durch großes Unrecht und Gewalt, und nun wird er hier gebraucht im fremden Land, in Ägypten. Ja er stellt fest, Gott hat hier eine überaus wichtige Aufgabe für ihn. Heimat ist da, wo ich gebraucht werde.

Und dann stehen eines Tages die Brüder vor Joseph und wollen Getreide kaufen. Die Hungersnot hat auch ihre Heimat Israel erreicht. Josephs erkennt sie sofort, sie ihn aber nicht, er spricht ja schließlich fließend Ägyptisch und trägt ägyptische Kleidung. Und er gibt sich auch nicht zu erkennen. Er verdächtigt sie als Spione und sperrt sie ins Gefängnis. Die Brüder sind verzweifelt. Und auf einmal kommt die alte Schuld wieder hoch. Sie sagen: "Das haben wir an unserem Bruder verschuldet! Denn wir sahen die Angst seiner Seele, als er uns anflehte, und wir wollten ihn nicht erhören" (1. Mose 42, 21). Schuld verjährt nicht. Auch nach Jahren noch deutet man schweres Schicksal als Strafe! Joseph muss weinen, als er die Brüder so reden hört.

Die Geschichte nimmt noch mehrere Kurven, doch am Ende merkt Joseph: Die Brüder bereuen, was sie ihm damals angetan haben. Die Schuld hat sie gezeichnet und verändert. Und so gibt Joseph sich ihnen schließlich zu erkennen und sie versöhnen sich. Und Joseph sagt: "Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen" (1. Mose 50, 20). Von rückwärts betrachtet leuchtet selbst durch Bosheit und Chaos Gottes Plan. Die Menschen wollten es böse machen, aber Gott wollte es gut machen.

Ja, im Nachhinein lässt sich das gut so sagen, aber du und ich, wir stecken noch mittendrin in dieser Geschichte. In Streit und Schuld, oder auch in unverschuldetem schweren Leid. Manchmal können wir auch heute schon ein Stück von Gottes Führung sehen und werden darüber dankbar. Aber oft sehen wir den Sinn auch überhaupt nicht. Meine Patentante, deren Tochter mit 22 Jahren an Leukämie starb, sagte bei der Beerdigung zu mir: „Ich kann Gott nicht verstehen. Warum musste unsere Gine sterben? Ich halte mich an einem Satz fest, den Jesus mal zu seinen Jüngern sagt: An jenem Tage werdet ihr mich nichts mehr fragen.“

An jenem Tage. Und damit komme ich am Schluss noch mal auf das Thema Heimat. Im Neuen Testament wird der irdischen Heimat gar kein großer Wert beigemessen. Unsere Heimat ist im Himmel, sagt der Apostel Paulus. Bei Gott, in Gottes Nähe, in seiner Ewigkeit. Die an Jesus Christus glauben, wissen: Dahin sind wir unterwegs, in die ewigen Wohnungen, die Gott für uns vorbereitet hat. Da werden auch alle unsere Fragen beantwortet. Und wenn wir eines Tages, früh oder spät, dort ankommen, dann sind wir wirklich daheim. Amen.

Luitgardis Parasie