Prüfe, was dem Leben dient!

Nachricht 23. Oktober 2020
Spruchband an einer Kirche in Ludwigshafen - Immanuel Giel

Andacht am 20. Sonntag nach Trinitatis

25. Oktober 2020

 

Gebet

Gott, Du Ursprung und Ziel aller Wege, wir kommen zu Dir in dieser Stunde und bitten Dich: Sei Du jetzt unter uns gegenwärtig. Richte uns auf und richte uns aus durch Dein Wort, auf dass unser Lebensweg Deine Spuren trägt durch Jesus Christus, unseren Herrn, und in der Kraft Deines Geistes. Amen.

 

Psalm 119,1–8

Glücklich sind die Menschen, denen man nichts Böses nachsagen kann, die sich stets nach dem Gesetz des HERRN richten.

Glücklich sind alle, die sich an seine Weisungen halten und von ganzem Herzen nach ihm fragen. Solche Menschen tun kein Unrecht, sie leben so, wie es Gott gefällt.

Was du, HERR, angeordnet hast, das soll jeder genau beachten. Nichts soll mich davon abbringen können, deine Ordnungen treu zu befolgen. Deine Gebote verliere ich nicht aus den Augen.

Darum brauche ich mich nicht zu schämen, sondern kann dich mit aufrichtigem Herzen loben. Deine guten Gesetze lerne ich immer besser kennen. Ich will mich an deine Ordnungen halten – hilf mir dabei und lass mich nicht im Stich!

 

Gedanken zu Mk 2,23–28

Prüfe, was dem Leben dient!

Wer sich an einem Sonntag in seiner Kirche unter die Kanzel setzt, muss sich manchmal schon einige deutliche und harte Worte anhören. Die Frage, die sich in diesem Zusammenhang stellt, ist doch: Sollte man das ändern? Sollen die Prediger und Predigerinnen das vermeiden? Können sie das überhaupt, wenn schon das Wort der Bibel uns einiges zumutet und abverlangt. Und so kann es passieren, dass der Prediger noch eins draufsetzt und seine bzw. ihre Predigt zu viel an Forderung und Mahnung enthält und das „Evangelische“ – die Frohe Botschaft – dabei zu kurz kommt.

Heute will ich aber darauf achten, dass die Gute Nachricht von der Liebe Gottes nicht zu kurz kommt. Und da bin ich bei der Geschichte, die uns an diesem Sonntag als Predigttext vorgegeben ist.

Und es begab sich, dass er am Sabbat durch ein Kornfeld ging, und seine Jünger fingen an, während sie gingen, Ähren auszuraufen.

Und die Pharisäer sprachen zu ihm: Sieh doch! Warum tun deine Jünger am Sabbat, was nicht erlaubt ist? Und er sprach zu ihnen: Habt ihr nie gelesen, was David tat, als er in Not war und ihn hungerte, ihn und die bei ihm waren: wie er ging in das Haus Gottes zur Zeit Abjatars, des Hohenpriesters, und aß die Schaubrote, die niemand essen darf als die Priester, und gab sie auch denen, die bei ihm waren? Und er sprach zu ihnen: Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbats willen. So ist der Menschensohn ein Herr auch über den Sabbat.

Diese Geschichte vom Ährenraufen am Sabbat, kann man so lesen, dass man die Jünger um Jesus gut versteht, wenn sie die kleine Flucht von ihrem Jüngerdasein an ihrem freien Tag genießen. So machen es ja auch viele Menschen bei uns heute, indem sie am Sonntag lange schlafen, das Auto waschen und andere Tätigkeiten verrichten, die sie unter der Woche nicht geschafft haben.

Die Pharisäer würden sagen: „Das tut man nicht! Das ist gegen das Gesetz!“ Die Jünger sind eigentlich gläubige jüdische Menschen und sie kennen natürlich das Sabbathgebot und seine Bedeutung. Und doch brechen sie ein Gebot, das ausgerechnet ein für die jüdische Kultur ungemein wichtiges Ge-bot ist. Ohne dieses Gebot gäbe es bei uns heute keinen Sonntag.

Aber die alles ent-scheidende Frage ist doch: Darf ich am Sonntag denn wirklich alles machen, was mir so einfällt, während viele andere zur Kirche in den Gottesdienst gehen. Letztere stehen meines Erachtens wirklich ein wenig besser da, als diejenigen, die sonntags ausschlafen oder zum Frühschoppen gehen. Da taucht dann der Gedanke auf, dass ein bisschen mehr „Gesetz“ ganz gut sein könnte. Sollten wir nicht doch die Mauer und den Zaun als Schutz für den Sonntag noch entschiedener verteidigen, oder sollen wir fragen, ob wir uns den Luxus eines freien Tages überhaupt noch leisten können, um keine Wettbewerbsnachteile zu erleiden? Doch wer will und soll das entscheiden? Jesus sagt nur: Der Sonntag ist für den Menschen da.

Einige würden jetzt sagen: Dann können wir damit auch machen, was wir wollen. Jesus meint doch Freiheit! Aber wir spüren auch, dass wir irgendeine Ordnung haben müssen, um nicht ins Gleichgültige oder Liederliche abzugleiten. Vielleicht hilft an dieser Stelle unsere Geschichte weiter: Die Leute Davids aßen vom Opferbrot, das Gott geweiht war und eigentlich nur die Priester essen durften. Jesus heißt den Frevel gut und sagt: Sie waren hungrig! So sagt Jesus letztlich das: Der Sabbat ist für den Menschen da, damit er tut, was ihm zum Leben notwendig ist.

Beim Evangelisten Markus streifen die Jünger durch die Felder, streifen beim Hindurchgehen die Körner von den Ähren ab, zerreiben sie und essen sie. Sie waren ganz einfach hungrig, und es ist bestimmt nicht die Lust am mutwilligen Übertreten eines Gebots gewesen, das sie zum Handeln veranlasste. Das heißt doch, wenn es um eine Notsituation geht, sollte mit Herz und Verstand abgewogen werden, auch wenn dabei die Entscheidung gegen Regel und Gesetz verstößt. Jesus trägt uns also auf, die Gesetze zu prüfen. Was dient dem Leben und was hindert es? Was dient dem Menschen? Was ist gut und wichtig, damit er in Freiheit leben kann. Jesus mutet uns zu, selbst zu entscheiden. Er traut es uns sogar zu. Die Gebote sind für den Menschen da, nicht der Mensch für die Gebote. So bleiben wir letztlich frei, das zu tun, was wir möchten: Ja, ich darf am Sonntag ausschlafen… ich darf Gott bei einem Spaziergang im Wald suchen… ich darf mein Bier beim Frühschoppen trinken. Ich kann und darf aber auch in die Kirche zum Gottesdienst gehen.

Die Frage, die ich mir bei all dem stellen muss, lautet aber: Ist es mir wirklich zum Leben nötig, was ich tue? Die Entscheidung darüber müssen wir allein treffen, aber ich bin sicher, dass Gott sie mit uns trägt. Das ist es dann aber auch, was die verwirrende Welt mit ihren tausend Entscheidungen weniger bedrohlich macht. Und so können wir die Botschaft dieses Sonntags so verstehen:

Gott schenkt uns einen Feiertag, jede Woche neu. Er soll uns zum Leben helfen, uns Freude, Ruhe und neue Kraft geben. Vergeuden wir ihn nicht, denn wir müssen wieder sechs Tage davon leben. Ich wünsche Ihnen allen einen gesegneten Sonntag. Lassen Sie sich von Gottes Kraft erfüllen und lassen Sie sich von dieser Kraft durch die neue Woche tragen.

Amen.

 

Fürbitten

 

Gott des Himmels und der Erde,

wir danken, dass Du uns willst für Dein Werk auf Erden. Wir danken Dir für alle, die uns Lehrer, Helfer, Begleiter und Hebammen im Glauben wurden. Und wir bitten dich für uns, unsere Gemeinde und unsere Kirche:

Nähre uns durch Dein Wort. Gründe uns in Deiner Wahrheit und berühre uns mit Deinem Geist. Halte uns wach in der Liebe. Und hilf, dass wir einzeln und gemeinsam als die Deinen erkennbar werden.

Durchdringe Deine Kirche mit Deinem Geist, dass sie in Vollmacht rede zu den Jungen und Alten, den Fernen und den Nahen. Und wir bringen in der Stille unseren Dank vor Dich für die Menschen dieser Woche, deren Nähe uns guttat, die uns halfen und weiterhalfen und für die wir dankbar sind. Halte Du Deine segnende und behütende Hand über sie!

Und wir bitten Dich für alle, die krank sind, die an einer Krankheit des Leibes oder der Seele leiden. Für alle, die einsam sind und sich verlassen fühlen. Und für diejenigen, die an einer kleinen oder großen Sorge zu tragen haben, von der wir wissen oder die wir ahnen. Wir bringen ihre Namen vor Dich und bitten Dich: Erhöre uns!

Amen.


 

Lektor

Helmut Barte

Northeim