Ein Stück vom Himmel

Nachricht 11. September 2020

Ein Stück vom Himmel

Gedanken zu Lukas 19,1-10

Und er ging nach Jericho hinein und zog hindurch. Und siehe, da war ein Mann mit Namen Zachäus, der war ein Oberer der Zöllner und war reich. Und er begehrte, Jesus zu sehen, wer er wäre, und konnte es nicht wegen der Menge; denn er war klein von Gestalt. Und er lief voraus und stieg auf einen Maulbeerfeigenbaum, um ihn zu sehen; denn dort sollte er durchkommen. Und als Jesus an die Stelle kam, sah er auf und sprach zu ihm: Zachäus, steig eilend herunter; denn ich muss heute in deinem Haus einkehren. Und er stieg eilend herunter und nahm ihn auf mit Freuden. Da sie das sahen, murrten sie alle und sprachen: Bei einem Sünder ist er eingekehrt. Zachäus aber trat herzu und sprach zu dem Herrn: Siehe, Herr, die Hälfte von meinem Besitz gebe ich den Armen, und wenn ich jemanden betrogen habe, so gebe ich es vierfach zurück. Jesus aber sprach zu ihm: Heute ist diesem Hause Heil widerfahren, denn auch er ist ein Sohn Abrahams. Denn der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.


 
Hallo, ich will hier rein!

Kürzlich kam ich aus Hamburg und wollte nach Hause. Bin mit dem Auto extra am späten Abend weggefahren, um den Staus auf der A7 zu entgehen. Aber Pustekuchen! Zwischen Schwarmstedt und Mellendorf hat es mich wieder einmal voll erwischt. Stau mit über einer Stunde Zeitverzögerung. Nachdem ich mich schon eine halbe Stunde angestellt hatte, wollte ich nun versuchen, bei Berkhof die Autobahn zu verlassen. Also: Ich musste auf die rechte Spur. Die Autoschlange ist undurchdringlich. Ich blinke schon eine Zeit und signalisiere: Hallo, ich will hier rein! Aber keiner schaut mal um sich. Jeder und jede, so scheint es, blickt nur stur geradeaus, als seien die Rücklichter des vorderen Wagens das Interessanteste von der Welt. Und meine Ausfahrt nähert sich. Ich werde leicht nervös. Wenn ich die Ausfahrt nicht kriege, hocke ich hier mindestens noch eine weitere halbe Stunde im Stop-and-go.

Dann der rettende Augenblick. Plötzlich sieht der Fahrer eines Wohnwagengespanns kurz zu mir rüber, erkennt mein Anliegen und reagiert. Er lässt mir die Lücke, nach der ich mich gesehnt hatte und winkt mich zuvorkommend herein. Gott sei Dank! Ich winke dem freundlichen Schweden noch einmal zu.

Dem Zachäus muss es ähnlich ergangen sein. Er will auch auf eine andere Spur. Will raus aus seiner alten Rolle, die er schon so lange spielt oder die ihm die Menschen in Jericho aufgedrückt haben. Als Zöllner ist er den Einwohnern der Stadt mehr als verhasst – weil er mit den Römern paktiert und weil er als geldgierig gilt und den Kaufleuten abknöpft, wozu er gerade lustig ist. Als Zöllner ist er sozusagen die „Zecke“ im Ort. Er bereichert sich an allen, die vorbeikommen und wird rund und fett dabei.

Meint der wirklich mich?

Ausgerechnet er ist auf einen Wanderprediger aufmerksam geworden, der in die Stadt kommen soll: Jesus. Und Zachäus wird aktiv. Er geht los, um diesen Jesus zu sehen. Aber die versammelte Menge lässt ihn nicht. Sie stehen so eng zusammen, dass er – klein von Statur – nichts sehen kann. Als habe er die ganze „fromme Front“ gegen sich. Und alle, die sonst nur neidisch und missgünstig auf ihn herabschauen, recken jetzt die Hälse, bemerken ihn vielleicht auch gar nicht.

Zachäus aber lässt sich nicht beirren. Ahnt er, dass es bei Jesus was zu holen gibt? Jedenfalls klettert er hinter der dichtgedrängten Menge auf einen Maulbeerbaum und wartet – verborgen und im Schutz der Zweige – auf Jesus.

Und schon bald zieht Jesus die Straße entlang. Wortlos geht der ersehnte Wanderprediger an den neugierigen Augen am Straßenrand vorüber und sieht doch tatsächlich Zachäus da oben auf seinem Baum sitzen. Jesus bleibt steht, schaut herauf und ruft: „Komm runter, ich muss heute, jetzt in deinem Haus zu Gast sein.“

Dem Zöllner bleibt fast das Herz stehen. Meint der wirklich mich? Lässt der mich wirklich auf seine Spur kommen? Er klettert herunter und tritt in die Lücke, die sich um Jesus gebildet hat. Die Umstehenden sind entsetzt: „Ausgerechnet der, dieser Mistkerl. Wir waren doch zuerst da.“

Gestern hätte Zachäus solches Gerede noch rasend gemacht. Jetzt ist er nur noch unendlich dankbar, dass Jesus ihn gesehen hat: „Ich verschenke die Hälfte meines Geldes an die Armen. Und wen ich betrogen habe, dem gebe ich es vierfach zurück“, verspricht er in aller Öffentlichkeit.

Und Jesus? Er besucht den Zöllner in dessen Haus und weist die Spötter zurück: „Warum zerreißt ihr euch das Maul? Da ist doch eben ein Stück Himmel auf die Erde gekommen. Dieser Zöllner ist mir begegnet und will fortan etwas in seinem Leben ändern, will auf eine andere Spur kommen. Und ihr? Motzt hier rum wie nur was! Eins will ich euch mal sagen: Ich bin gekommen, das Verlorene zu suchen. Den, den sonst keiner sieht, weil ihr euch alle vor ihn stellt. Aber genau den will ich retten.“

Lukas und das Verlorene

Was soll diese Erzählung? Nicht zufällig ist Lukas der einzige Evangelist, der sie überliefert. „Das Verlorene suchen“ ist ein großes Thema bei ihm. Ihr kennt die Gleichnisse vom verlorenen Sohn, vom verlorenen Schaft, vom verlorenen Groschen. Die gibt es nur bei Lukas. Und damit verbunden sind seine anderen beiden großen Themen: Umkehr und Rettung des verlorenen Menschen. In der Geschichte von Zachäus kommen alle drei Motive zusammen.

Da merkt einer: So, wie das alles gerade in meinem Leben läuft, kann es nicht bleiben. Ich mag zwar alles besitzen, was mir mein Leben so angenehm und schön wie möglich macht. Ich kann mir zwar eine Menge leisten. Mein Leben verläuft in geordneten Bahnen. Und trotzdem ist mir irgendwie der Sinn abhanden gekommen.

Da sieht einer ein, dass er an Anderen schuldig geworden ist, dass er sich ihnen verweigert hat, als sie seine Hilfe brauchten, dass er immer nur rücksichtslos von Anderen genommen hat, ohne auch nur einen Blick darauf zu verschwenden, wie es den Leuten so erging, die da täglich an ihm vorbeizogen. Er hat immer nur sich und seine Vorteile gesehen. Und irgendwann war er dann abgestempelt, haben ihn die Menschen im Ort gemieden.

Zachäus spürte diese Unzufriedenheit mit sich schon lange. Und der Wunsch, etwas in seinem Leben zu ändern, wurde immer stärker. Er will die Spur wechseln, will eine andere Richtung einschlagen, will runter von seiner bisherigen Lebensbahn. Er will umkehren. Aber wohin?

Allen, die so fragen, lenkt Lukas den Blick auf Jesus. Wenn ihr dem begegnet, dann kann sich euer Leben wenden. Dann könnt ihr auf eine neue Spur kommen. Denn dann seht ihr wirklich, worauf es im Leben ankommt.

Es ist kein guter Baum, der faule Frucht trage, und kein fauler Baum, der gute Frucht trage. Ein jeglicher Baum wird an seiner Frucht erkannt, schreibt Lukas an anderer Stelle. Zachäus will ein „guter Baum“ werden. Und er sucht nach einem Weg dazu. Ob er von Jesus gefunden werden wollte? „Hallo Jesus. Hier bin ich. Sieh mich an! Nicht als Zöllner und Halsabschneider, sondern als Mensch, als Zachäus. Als einer, der sein Leben ändern will.“

Abbieger in Sicht…?

Jesus sieht Zachäus. Er ruft ihn aus seinem Versteck und winkt ihn auf seine Spur, damit er die Chance noch hat, rechtzeitig abzubiegen. Zachäus nutzt sie sofort. Und er verspricht, bei sich aufzuräumen, indem er zurückgibt, was ihm eigentlich nicht gehört bzw. zusteht. Seine Perspektive kehrt sich um. Vorher habgierig, teilt er nun an andere aus. Plötzlich ist Geld und Besitz nicht mehr das Erstrebenswerteste der Welt, sondern die Beziehung zu Anderen gewinnt an Wert.

Wer sich von Gott angeschaut weiß, wird verändert. Wer von Gott angesprochen wird, nimmt sich selbst und seine Welt ganz neu wahr. Das ist für Lukas „Rettung“ – eine Lebenswende zu Jesus bzw. zu Gott hin.  

In unserer Kirche steht auch der Mensch im Zentrum – oder sollte er zumindest: seine Freiheit, seine Unversehrtheit, sein körperliches und seelisches Wohlergehen. Und das unterscheidet uns als Kirche von anderen Bereichen unserer Gesellschaft – oder sollte es zumindest. Jenseits der Frage: Was nützt uns der Mensch? fragen wir in Kirche andersherum: Was nützt dem Menschen und einem guten Miteinander? Was hilft ihm, einen anderen Weg einzuschlagen? Diese Fragen hat auch Jesus eindringlich gestellt. Und wir in Jesu Nachfolge stehend fragen genauso – oder sollten es zumindest.

Wir wissen: Viele setzen sich dem Blick Gottes leider nicht mehr aus. Sie rufen nicht wie Zachäus: „Hallo! Hier bin ich! Schau mich an!“, sondern verschwinden einfach in der großen Menge mehr oder weniger klammheimlich. Sie sind nicht neugierig auf Jesus wie der Zöllner. Der alltägliche Trott, die Bequemlichkeit, die „gute Unterhaltung“ verstellt ihnen den Blick … vielleicht auch die Angst, dass die mühsam aufgebaute Fassade ramponiert werden könnte, wenn man merkt: „Ich bin auf dem falschen Dampfer.“ Sie machen sich selbst zu Verlorenen, wenn sie sich und ihre innersten Bedürfnisse so einfrieren.

Will mich treffen mit Gott

Dagegen ein Leben, das Glauben wagt und sich aus alten Zwängen heraustraut: Voller Vertrauen schaut es nach links und rechts, sieht Dinge, die es zuvor nicht gesehen hat, wird neugierig auf sie und merkt plötzlich, mit welchen Großartigkeiten es von Gott beschenkt ist. Kurzum: Wenn wir uns für ein Treffen mit Gott bereit machen, werden wir auch von ihm gefunden – wie Zachäus.

In der Taufe – und später bei der Konfirmation – wird eine solche Lebenswende für andere sichtbar. Sie stehen symbolisch für die Entscheidung, dass wir zu Gott gehören sollen und wollen und dass er sein Ja zu uns sagt. Sie stehen zeichenhaft für das Gefundenwerden, für Umkehr und Rettung. Mit der Taufe werden wir quasi reingewunken auf Jesu Spur.

Damit ist die Geschichte von Zachäus für mich auch eine Taufgeschichte – bloß ohne Wasser, dafür aber mit einem Stück vom Himmel, der auf die Erde gekommen ist. Und es bedarf keiner besonderen Zutaten, um etwas in seinem Leben zu ändern. Doch: Ohne den eigenen Wunsch und das eigene Heraustreten aus der alten Rolle geht es wohl auch nicht. Vielleicht auch nicht, ohne dass wir an dem leiden, was wir eigentlich ändern möchten. Von einem, der das getan hat, haben wir heute gehört.

Jens Gillner