Impuls zum 10. Sonntag nach Trinitatis, 16.08.2020

Nachricht 13. August 2020
Die Westmauer (Klagemauer) ist der einzige Teil, der die zweite Zerstörung des Jerusalemer Tempels im Jahre 70 n. Chr. überdauert hat. (c) Stefan Leonhardt

Eine wechselvolle Geschichte

Heute ist der „Israelsonntag“. Er erinnert uns daran, dass der christliche Glaube aus dem Volk Israel, aus dem Judentum hervorgegangen ist. Jesus war Jude, das Christentum ist ohne seine jüdischen Wurzeln nicht vorstellbar. Trotzdem haben die Christen ihre jüdischen Glaubensgeschwister jahrhundertelang abgewertet und  verfolgt.

Der „Israelsonntag“ hat eine wechselvolle Geschichte. Im jüdischen Kalender gibt es um diese Jahreszeit einen Gedenktag, Tisha b‘Av. Er erinnert an die zweifache Zerstörung des Jerusalemer Tempels und die Vertreibung der Juden aus dem Land ihrer Väter und Mütter. In diesem Jahr wurde er am 30. Juli begangen. Ein trauriger Tag, von der Stimmung her vergleichbar mit unserem Karfreitag. Die Kirche hat das Gedenken an die Zerstörung Jerusalems in ihren Kalender mit aufgenommen. Früher wurde es benutzt, um sich von den Juden abzugrenzen. Heute schauen wir an diesen Tag auf das Gemeinsame, bitten als Kirche um Vergebung für das, was wir falsch gemacht haben in unserem Verhalten gegenüber den Juden und treten dafür ein, dass so etwas nie wieder passiert.

Wie Jerusalem zerstört wurde

Am siebten Tag des fünften Monats - das ist im neunzehnten Jahr des Königs Nebukadnezzar, des Königs von Babel - rückte Nebusaradan, der Befehlshaber der Leibwache und Diener des Königs von Babel, in Jerusalem ein und steckte das Haus des HERRN, den königlichen Palast und alle Häuser Jerusalems in Brand. Jedes große Haus ließ er in Flammen aufgehen. Auch die Umfassungsmauern Jerusalems rissen die chaldäischen Truppen, die dem Befehlshaber der Leibwache unterstanden, nieder. Den Rest der Bevölkerung, der noch in der Stadt geblieben war, sowie alle, die zum König von Babel übergelaufen waren, und den Rest der Menge schleppte Nebusaradan, der Befehlshaber der Leibwache, in die Verbannung. Nur von den armen Leuten im Land ließ der Befehlshaber der Leibwache einen Teil als Wein- und Ackerbauern zurück.
(2. Könige 25,8-12)

Heilsame Medizin

Jede Apotheke und jedes Krankenhäusern hat einen Giftschrank. In ihm werden die besonders gefährlichen Medikamente aufbewahrt. Sie können heilen, aber bei unsachgemäßer Anwendung schlimmsten Schaden anrichten. Nur Kundige haben Zugang. Für die anderen ist der Schrank fest verschlossen.

Im übertragenen Sinn gibt es „Giftschränke“ auch für Texte. Bücher, die als gefährlich gelten, weil sie Menschen leicht auf schlimme Abwege bringen können. Hitlers Buch „Mein Kampf“ gehört dazu. Man kann es nicht in der Buchhandlung kaufen, man darf nicht alte Exemplare vervielfältigen. Und die Benutzung ist nur Historikern und anderen Fachleuten erlaubt.

Auch der Text aus dem 2. Buch der Könige ist gewissermaßen in einen solchen „Giftschrank“ verbannt worden. Vor ein paar Jahren hat eine Kommission die Lesungen für den „Israelsonntag“ neu geordnet und diesen Text gestrichen. Weil mit ihm im Laufe der Jahrhunderte so viel Schindluder getrieben wurde. Und die Angst war da, er könne auch heute wieder missbraucht oder falsch verstanden werden. Aber gerade weil er so anfällig ist für Missbrauch und trotzdem in unserer Bibel steht, möchte ich ihn heute lieber nicht übergehen. Sondern den Giftschrank aufmachen und mit ihnen zusammen entdecken, was in dem Text wirklich drinsteckt. Um dann seine heilenden Kräfte zu erfahren.

Auf den ersten Blick erscheint der Text harmlos. Ganz knapp wird beschrieben, wie Jerusalem im Jahre 587 v. Chr. von den Babyloniern zerstört wurde. Das kleine Land war unter die Räder geraten. Seine Könige hatten eine waghalsige Politik betrieben und versucht, die damaligen Großmächte Ägypten und Babylonien gegeneinander auszutrixen. Sie hielten sich für unbesiegbar, denn sie glaubten Jahwe, den Gott Israels, auf ihrer Seite. Doch die Rechnung ging nicht auf: Die Babylonier kamen, belagerten und eroberten Jerusalem. Sie zerstörten den Tempel und den Königspalast, rissen die Stadtmauer nieder. Und deportierten die Führungsschicht, die geistige Elite.

Eine absolute Katastrophe. Nur die Fakten werden beschrieben - wie in einem Geschichtsbuch. Warum steht das in der Bibel? Unser Text ist der Abschluss eines längeren Werkes über die Geschichte Israels. In ihm wird berichtet, wie die Könige und die politischen Führer, aber auch die ganze Gesellschaft immer wieder im Widerspruch zum Willen Gottes stehen. Sie halten sich selbst für allmächtig. Sie treten Recht und Gerechtigkeit mit Füßen. Sie schauen tatenlos zu, wie immer mehr Menschen verelenden. Fast gebetsmühlenartig kommentiert der Verfasser des Geschichtswerkes all diese Dinge mit den Worten: „Sie taten, was dem Herrn missfiel.“ Und wenn er dann den knappen Bericht von der Zerstörung Jerusalems ans Ende seines Werkes stellt, dann will er die Leser zu einer Bewertung provozieren. Und es ist völlig klar, welche Bewertung erwartet wird. Der Leser soll sagen: Was hier geschehen ist, das haben wir voll und ganz verdient. Ein Volk, das sich weigert, auf Gottes Wort zu hören, verdient es, dass Gott sich am Ende von ihm abwendet.

Damit kommen wir der Gefahr dieses Textes langsam auf die Spur. Zu dieser Bewertung wollte ein jüdischer Autor jüdische Menschen bewegen. Sozusagen als schmerzliche Selbsterkenntnis. Aber später haben Christen diese Bewertung aufgenommen. Nicht mehr als selbst Betroffene. Sondern als Distanzierte. Die über andere, eben das jüdische Volk, ein vernichtendes Urteil sprechen. Und das klang dann so: Die Juden sind ein von Gott verworfenes Volk. Sie haben sich schon immer nicht an die Gebote gehalten. Und später haben sie sogar Jesus, den von Gott gesandten Messias, abgelehnt und ans Kreuz geschlagen. Zur Strafe dafür wurde Jerusalem ein zweites Mal zerstört und die Juden wurden über die ganze Welt vertrieben. Wir, die Christen, sind an ihre Stelle gerückt.

Gift ist das gewesen. Jahrhundertelang wurden Juden in Europa auf Grundlage dieser Deutung verfolgt und umgebracht. Bis ins 19. Jahrhundert verweigerte man ihnen die bürgerlichen Rechte und zwang sie in Berufe, die als anrüchig und unehrenhaft galten. Und genau das wurde ihnen dann umgekehrt wieder zum Vorwurf gemacht: Juden seien falsch, hinterlistig und habgierig. Letztlich wurde so Auschwitz der Boden bereitet. Von uns Christen. Von der Kirche. Und heute greifen solche Sichtweisen schon wieder um sich.

Aber wer unseren Text so deutet, der missbraucht ihn. Denn wie gesagt: Er will Menschen dazu provozieren, die eigene Geschichte, das eigene Leben einer kritischen Betrachtung vor Gott zu unterziehen. Wo ist unser Leben nicht so, wie es eigentlich sein sollte? Wo erleben wir möglicherweise, dass Gott unseren Abwegen seinen Zorn, sein Gericht, sein Nein entgegensetzt? Ich denke an die Geschichte unseres Volkes. Viele Städte sind im letzten Krieg zerbombt worden, Menschen haben ihre Heimat und ihr Leben verloren. War das vielleicht auch Ausdruck des Zornes Gottes? Gegenüber einem Volk, das nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg darauf setzte, wieder groß und stark zu werden, und sich hinreißen ließ zu einer Ideologie, die das Recht des Stärkeren behauptete und Menschen wegen ihrer Herkunft und Andersseins ermordete?

Die eigene Geschichte vor Gott kritisch deuten. Und das Ganze nicht, um sich elend zu fühlen. Sondern um Abstand zu nehmen von allem Selbstmitleid und aller Jammerei über die angebliche Ungerechtigkeit der Welt. Um sich ehrlich einzugestehen: Wir haben uns das selbst eingebrockt. Und durch dieses ehrliche Eingeständnis offen zu werden für neue Wege. Um dafür einzutreten, dass sich Ähnliches nie mehr wiederholt.

Und die Verheißung der Bibel lautet: Gott wird mit uns unterwegs sein. Denn so sehr er wütend sein kann auf seine Menschen und sich von ihnen abwendet, so sehr kann er letztlich nicht anders als sie dann doch wieder zu suchen und einen Anfang mit ihnen zu machen. Die Geschichte des Volkes Israel ist weitergegangen. Und auch die Geschichte der Deutschen nach 1945. 75 Jahre Frieden und Freiheit. 75 Jahre Demokratie. Was für ein Geschenk. Gehen wir achtsam damit um.

Gott bleibt seinen Menschen treu. Trotz des Unheils, das sie anrichten. Diese Hoffnung verbindet uns, Juden wie Christen. Eine heilsame Medizin, die uns befähigen will umzukehren und neu aufs Leben zu sehen.

 

Dr. Stefan Leonhardt