Impuls zum 8. Sonntag nach Trinitatis, 02.08.2020

Nachricht 31. Juli 2020
Lichtfeier in Taizé. Samstagabends wird das Licht in der Kirche der Versöhnung an alle ausgeteilt. (c) Stefan Leonhardt

Licht der Welt

Sind Sie schon mal nachts in einem unbekannten Zimmer aufgewacht und konnten den Lichtschalter nicht finden? Vielleicht im Gästezimmer bei Freunden oder im Hotel? Sind Sie hilflos umher getappt, tastend, suchend, vielleicht gegen einen Stuhl gestoßen? Und dann endlich: Der Schalter. Ein Tastendruck, statt Dunkelheit herrscht Licht und der Weg zum Bad ist klar zu sehen. „Ich bin das Licht der Welt“, sagt Jesus in einem bekannten Bibelwort. „Wer mir nachfolgt, soll nicht wandeln in der Finsternis, sondern das Licht des Lebens haben.“ Der heutige Sonntag sagt uns sogar: Ihr seid das Licht der Welt. Als Menschen, die zu Gott gehören, habt ihr Leuchtkraft und könnt anderen dabei helfen, ihren Weg zu finden.  

Wer ist Schuld?

Jesus ging vorüber und sah einen Menschen, der blind geboren war. Und seine Jünger fragten ihn und sprachen: Rabbi, wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, dass er blind geboren ist? Jesus antwortete: Es hat weder dieser gesündigt noch seine Eltern, sondern es sollen die Werke Gottes offenbar werden an ihm. Wir müssen die Werke dessen wirken, der mich gesandt hat, solange es Tag ist; es kommt die Nacht, da niemand wirken kann. Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt. Als er das gesagt hatte, spuckte er auf die Erde, machte daraus einen Brei und strich den Brei auf die Augen des Blinden und sprach zu ihm: Geh zu dem Teich Siloah – das heißt übersetzt: gesandt – und wasche dich! Da ging er hin und wusch sich und kam sehend wieder.
(Johannes 9,1-7)

Ihr seid das Licht

„Selbst Schuld!“ Wie oft urteilen wir über andere. Da erkrankt jemand an Lungenkrebs und es heißt: Kein Wunder. Die hat geraucht wie ein Schlot. Da kommt einer bei einem Autounfall ums Leben und alle, die ihn kennen sagen: Der ist auch immer gefahren wie der letzte Henker. Da war eine faul in der Schule und nach Jahren sagen die ehemaligen Mitschüler: Kein Wunder, dass aus der nichts geworden ist. Da lebt jemand nur für seine Arbeit und hinterher wissen alle genau: Der Herzinfarkt war vorprogrammiert.

Selbst Schuld. Dahinter steckt oft eine gehörige Portion Selbstgerechtigkeit. Wir würden solche Fehler ja nicht machen! Wir wissen es besser! Als ob wir nicht selbst immer wieder auch Raubbau mit unserer Gesundheit betreiben und über unsere kleinen und manchmal vielleicht auch großen Laster stolpern.

Auch die Jünger Jesu sind überzeugt: Der muss ja wohl selbst Schuld sein. Oder seine Eltern, die ihn in die Welt gesetzt haben. Am Straßenrand sitzt ein Mann, der von Geburt an blind ist. Damals ein furchtbares Schicksal. „Wer hat gesündigt?“, fragen die Jünger Jesus. ,Dieser oder seine Eltern?“ Wer krank war oder behindert oder keine Kinder bekommen konnte, den bestrafte Gott für irgendein Fehlverhalten. So hat man das damals gesehen. Und wenn der Betreffende selbst nichts falsch gemacht haben konnte, dann mussten es wohl die Eltern gewesen sein. Bis heute wirkt diese Denkweise nach. „Womit habe ich das verdient?“, fragt jemand, der schwer krank ist. Und dahinter die Vorstellung: Jeder hat sich selbst eingebrockt, was er bekommt. Schlimm nur, wenn man gar nicht weiß, was man falsch gemacht haben könnte.

Jesus stellt den Zusammenhang von Schuld und Ergehen radikal in Frage. Krankheit und Behinderung sind keine Strafe Gottes. „Es hat weder dieser gesündigt noch seine Eltern, sondern es sollen die Werke Gottes offenbar werden an ihm.“ Jesus schaut nicht in die Vergangenheit zurück. Er schaut in die Zukunft. Er fragt nicht nach dem Warum, sondern nach dem Wohin. Wohin kann dich eine Krankheit oder ein schmerzhafter Lebenseinschnitt bringen?  Wohin können dich Menschen führen, die anders sind? Und die Antwort Jesu: „Es sollen die Werke Gottes offenbar werden.“

Ich kannte mal eine Frau, die hatte Trisomie 21, Down-Syndrom. Jutta, hieß sie. Eine ganz zugewandte, liebevolle junge Frau. Immer wenn ich sie traf, strahlte sie. Sie war in vielem eingeschränkt. Aber sie ein glücklicher und fröhlicher Mensch. „Mein Sonnenschein“, sagte ihre Mutter. Ein Mensch, der andere lehren konnte, dass es auf die kleinen und unscheinbaren Dinge im Leben ankommt, die wir oft übersehen. Manchmal habe ich mich gefragt, wer wohl die größere Behinderung hat: Sie oder wir vermeintlich Gesunden, die so vieles nicht wahrnehmen?! „Es sollen die Werke Gottes offenbar werden“, sagt Jesus.

Oder da kriegt jemand einen Herzinfarkt. Weil er sich stets und ständig überfordert hat. Frühzeitiger Ruhestand ist angesagt. Finanzielle Einbußen. Und nach einem aktiven Leben zunächst ein tiefes Loch. Aber irgendwann geht ihm auf: Das ist jetzt noch mal die Chance. Umzudenken. Prioritäten neu zu setzen. Sich Zeit zu nehmen. Für sich selbst. Und für andere. „Es hat weder dieser gesündigt noch seine Eltern, sondern es sollen die Werke Gottes offenbar werden an ihm.“

In unserer Geschichte geht es nicht nur um die Blindheit der Augen. Es geht vor allem um die Blindheit der Herzen. Und nicht zuletzt um die Blindheit unserer Herzen. Jesus will uns die Augen öffnen. Für die Weite Gottes. Er spuckt auf die Erde, knetet einen Brei und schmiert ihn dem Blinden auf die Augen. Hört sich ekelig an. Aber hier klingt die Schöpfungsgeschichte an. Am Anfang der Bibel wird erzählt, wie Gott aus Wasser und Erde alle Geschöpfe formt und ihnen Leben einhaucht. Genauso macht es Jesus. Und das Einhauchen geschieht durch den Auftrag. „Geh zu dem Teich Siloah – das heißt übersetzt: gesandt – und wasche dich!“ Du, Mensch, bist gesandt. Gott hat niemanden abgeschrieben. Du hast einen Auftrag. Geh deinen Weg. Mach was draus.

Und zu den Jüngern sagt er: Wir müssen die Werke Gottes wirken. Nicht er allein, der von sich sagt: „Ich bin das Licht der Welt.“ Sondern wir sollen dabei mitwirken. Du und ich. Auch wir sind Licht. Licht der Welt. Und Salz der Erde. Menschen, die aus der Hoffnung leben, dass Gott Zukunft möglich macht. Trotz aller Umwege und Irrwege und Abwege. Und die schöpferisch andere ins Leben rufen können und sollen.

Dr. Stefan Leonhardt