Über den Tod hinausschauen

Nachricht 22. November 2020
„Ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde.“ (Offenbarung 21,1) - Foto: Stefan Leonhardt

Über den Tod hinausschauen

Heute ist Totensonntag. Wir gedenken unserer Verstorbenen. In der Kirche sprechen wir auch vom Ewigkeitssonntag. Weil wir über den Tod hinausschauen. Weil wir die Hoffnung haben, dass unsere Verstorbenen bei Gott geborgen sind. Darum zünden wir heute im Gottesdienst für alle Verstorbenen des zurückliegenden Jahres Kerzen an. Wenn Sie mögen, können auch Sie zu Hause Kerzen oder Teelichter anzünden für nahestehende Menschen, die sie loslassen mussten. Vielleicht schon vor längerer Zeit. Aber die Erinnerung an sie ist trotzdem nicht verblasst und der Schmerz vielleicht immer noch spürbar. Nehmen Sie sich etwas Zeit. So viel wie Sie brauchen. Danach lade ich Sie ein, das folgende Gebet laut oder leise zu sprechen.

Gott, wir gedenken unserer Verstorbenen und vertrauen darauf, dass sie bei dir geborgen sind. Auch nach Jahren ist das Loslassen nicht leicht. Wir denken an das, was war. Wir spüren, was uns fehlt. Du hast versprochen, dass du einst abwischen wirst alle Tränen von unseren Augen. Dann werden alle Fragen verstummen und alle Schmerzen geheilt sein. Dann
werden wir in deinem Licht stehen und dich preisen. Hilf uns diese Bilder der Hoffnung zu bewahren. Amen.

 

Eine neue Schöpfung

Ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr. Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann. Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron her, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden seine Völker sein und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein; und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen. Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu! Und er spricht: Schreibe, denn diese Worte sind wahrhaftig und gewiss! Und er sprach zu mir: Es ist geschehen. Ich bin das A und O, der Anfang und das Ende. Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst. Wer überwindet, der wird dies ererben, und ich werde sein Gott sein und er wird mein Sohn sein. (Offenbarung 21,1-7)

 

Gott wird vollenden, was offen geblieben ist

Der Wind fegt die letzten Blätter von den Bäumen. Zeichen der Vergänglichkeit. Der November erinnert in besonderer Weise daran, dass unsere Lebenszeit begrenzt ist, dass wir irgendwann sterben müssen. Und nicht nur wir, sondern – vielleicht noch viel schlimmer - auch die, die uns nahestehen.

„Es fühlt sich an, als ob mir der Boden unter den Füßen weg gezogen wäre“, so beschreibt jemand das Gefühl. Plötzlich ist ein gemeinsamer Weg zu Ende. Viel zu früh vielleicht. Und zurück bleibt eine einzige Leere. Manchen blieb überhaupt keine Zeit, Abschied zu nehmen, auszusprechen, was vielleicht noch zu sagen gewesen wäre. Und es fühlt sich an, als wäre vieles offen geblieben.

Andere haben den Sterbeprozess als langen mühsamen Weg erlebt. Der Tod schien am Ende wie eine Erlösung zu sein. Doch auch da bleiben vielleicht Fragen und Unsicherheiten. „Genau in dem Moment, als er gestorben ist, war ich nicht an seiner Seite“, sagt eine verwitwete Frau. Und das Gefühl, etwas versäumt zu haben, lässt sie nicht los.

Und nun dieser Text aus dem Buch der Offenbarung, dem letzten Buch der Bibel, den wir eben als Lesung gehört haben. Bei fast jeder Beerdigung wird er am offenen Grab vorgelesen. „Ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde.“ Oder anders gesagt: Unser Leben ist mehr als die begrenzte Zeitspanne zwischen Geburt und Tod. Als Christen schauen wir hinaus über die Gräber. Auf ein Ziel, das Gott selbst eröffnen wird. Wo es keinen Schmerz mehr gibt, kein Leid, keine Klage. Wo der Tod nicht mehr vorzeitig das Leben beendet. Wo Gott selbst die Tränen abwischt von den Augen seiner Menschen und sich das Weinen in Lachen verwandelt. Ein Gegenbild zu dem, was hier und jetzt unser Dasein bestimmt.

Novembertag im Wieter - Foto: Stefan Leonhardt

Kann das weiterhelfen angesichts der Erkenntnis, dass am Ende unseres Lebens der Tod steht? Kann das trösten, wenn der Tod eines anderen dein Leben aus der Bahn geworfen hat und tausend Fragen dich umtreiben? Vielen ist der Gedanke an ein Leben nach dem Tod fremd geworden. „Es ist noch keiner von dort wieder gekommen“, heißt es oft. Und was nützt der Blick auf einen neuen Himmel und eine neue Erde, die irgendwann mal kommen und von denen keiner so genau sagen kann, wie sie sein werden? Wir leben hier und jetzt. Wollen jetzt unsere Lebenszeit auskosten. Nicht irgendwann mal.

Und doch: So sehr wir uns auch bemühen, so sehr wir versuchen, das Beste zu geben und jeden Tag zu nutzen, am Ende bleibt doch vieles offen und bruchstückhaft und wir bleiben manches schuldig. Gerade wenn der Tod in dein Leben tritt, wird das plötzlich offenbar. Weil wir Menschen sind mit Grenzen und Begrenztheiten. Weil wir die Dinge nicht einfach in der Hand haben. Und weil wir uns manchmal selbst im Wege stehen und nicht über unseren Schatten springen können. Ich und du. Unsere Verstorbenen, die wir gehen lassen mussten. Und auch all diejenigen, die vor uns waren. Unser Leben ist und bleibt ein Provisorium.

Aber dagegen nun diese Verheißung: „Ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde.“ Das heißt doch: Gott selbst wird das, was offen und bruchstückhaft geblieben ist, vollenden, abrunden, zum Ziel führen. „Und der auf dem Thron saß, sprach: Ich bin das A und das O, der Anfang und das Ende.“ Und ich höre daraus: Du darfst loslassen. Du darfst das, was war und dich umtreibt, ihm anvertrauen. Das Gefühl, etwas versäumt zu haben. Die Frage, ob alle Entscheidungen richtig waren. Den Schmerz darüber, dass gemeinsame Zeit viel zu früh zu Ende gegangen ist und Hoffnungen sich nicht erfüllt haben. Da, wo unsere Möglichkeiten am Ende sind, wird Gott etwas Neues schaffen. Sogar da, wo wir nichts mehr erwarten.

Manchmal scheint etwas davon schon durchzuschimmern. Ich denke an eine Frau, die vom Sterben ihres Mannes erzählte. „In seinen letzten Tagen, schaute er immer auf einen festen Punkt an der Wand“, sagte sie. „Ich hatte das Gefühl: Er sieht etwas, das wir nicht sehen können. Und er hatte dabei ein Lächeln im Gesicht.“ Oder die Mutter, die ihr Leben lang distanziert zu ihrer Tochter war. Immer schien etwas zwischen den beiden zu stehen.  Und dann kurz vor ihrem Tod, brachen die Mauern. Eine Nähe, die vorher nie da gewesen war. „Ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Himmel sind vergangen.“

Und das ist dann keine Vertröstung auf ein fernes Jenseits. Sondern eine Ermutigung, sich diesem Leben, so wie es ist, zu stellen und nicht zu verzweifeln oder zu verbittern. „Ich denke an so vieles seitdem du nicht mehr bist. Denn du hast mir gezeigt, wie wertvoll das Leben ist.“ Eine Zeile aus dem Lied „Geboren um zu leben“, das wir hier im letzten Jahr bei einigen Beerdigung gehört haben. Kostbare Momente, die weiter wirken. Erinnerungen, die schmerzhaft sind, aber die auch tragen. Gottes Ewigkeit wirkt schon jetzt hinein in all das, was noch fragmentarisch ist. Und deshalb lohnt es sich weiterzugehen und nicht aufzugeben. Trotz allem. Darum lohnt es sich zu fragen: Wo kann ich etwas einbringen, damit ein Stück vom neuen Himmel und von der neuen Erde schon jetzt erfahrbar wird?

Der Wind fegt die letzten Blätter von den Bäumen. Zeichen der Vergänglichkeit. Aber du und ich, wir werden uns nicht verlieren in den Stürmen, die über uns hinweg fegen. Weil Gott mit uns unterwegs ist. Im Leben und im Sterben. Amen.

Ein neuer Morgen - Foto: Stefan Leonhardt

Fürbittengebet

Gott, in Jesus Christus hast du dem Tod die Macht genommen und uns einen neuen Himmel und eine neue Erde verheißen.

Wir bitten für alle, die in diesen Tagen zu den Gräbern gehen und immer wieder neu den Verlust spüren. Hilf ihnen, dem Schmerz standzuhalten. Lass sie Raum finden für ihre Trauer und ihre Tränen. Und einfühlsame Menschen, die sie begleiten.

Wir bitten für alle die im Sterben liegen, für alle, die wissen, dass ihnen nicht mehr viel Zeit bleibt. Sei du ihnen nahe und nimm ihnen die Angst vor dem Tod. Hilf ihnen, dass sie ihr Leben loslassen und in Frieden sterben können.

Wir bitten für alle Opfer von Krieg und Gewalt, für alle, die leiden unter dieser Welt, so wie sie ist. Aber auch für die, die sich einsetzen für Frieden und Versöhnung, die es wagen, Brücken zu bauen und geballte Fäuste zu öffnen. Lass sie nicht müde werden, stärke sie in all dem, was sie tun.

Dr. Stefan Leonhardt